Montag , Dezember 10 2018
Home / MEISER'S MORE / Noch zwei Monate ‚FAUST!‘: Münchens große kulturelle Verführung

Noch zwei Monate ‚FAUST!‘: Münchens große kulturelle Verführung

MEISER’S MORE

Seit Johann Wolfgang von Goethe den ersten Teil des Menschendramas „Faust“ veröffentlichte, sind genau 210 Jahre vergangen. Kaum ein Werk der Weltliteratur hat es je geschafft, seinen Inhalt für alle Zeiten und für jede neue Generation so spannend und vielschichtig zu gestalten, dass sich Leser, Schauspieler, Regisseure, Filmemacher, Literaten und Kritiker immer wieder von Neuem mit seinem Stoff befassen und ihn je nach eigener Erfahrung interpretieren; die Geschichte des Paktes zwischen einem Menschen und dem Teufel ist eben derart archetypisch, dass sie geradezu jedermann einlädt, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Die Münchner Philosophin Rebecca Reinhard nennt dieses Abkommen einen „teuflischen Deal.“

Faust Festival München: "Faust - eine deutsche Volkssage" - Fotocredit: Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung
Faust Festival München: „Faust – eine deutsche Volkssage“ – Fotocredit: Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung

„JE SUIS FAUST“

Folgerichtig hat eine Initiative der Kunsthalle München und des Gasteig ein ‚Faust-Festival‘ hervorgebracht, das nun seit einigen Monaten stattfindet (Start: 23. Februar 2018) und noch bis Ende Juli seine Gäste zu entzücken weiß. Ein riesiger Erfolg! Seit 2016 arbeiteten Roger Diederen, Direktor der Kunsthalle, und Max Wagner, Geschäftsführer des Gasteig, daran, die Dimensionen dieses Stückes den Kulturschaffenden Münchens in Hirne, Herzen und Hände zu legen.

Und so entstanden mit 200 Partnern über 500 Veranstaltungen, die an den unterschiedlichsten Orten, von der Allerheiligen Hofkirche bis zur whiteBOX stattfinden. Es gibt Ausstellungen, Seminare, Führungen, Veranstaltungsreihen, Einzelveranstaltungen, Radiosendungen, Fernsehbeiträge, Theateraufführungen, Tanzprojekte, Opern, Konzerte, Lesungen, Filme – für Erwachsene und für Kinder gleichermaßen – , die sich alle nur um ein einziges Stück drehen: den „Faust“ eben. Und so kann man getrost sagen: „Je suis Faust.“

SEELE GEGEN LEBEN

Der „Faust“ ist die Geschichte des Gelehrten Heinrich Faust, der zwar alles weiß, sich aber derart weit vom „wahren“ Leben entfernt hat, dass er sich auf einen Pakt mit dem Teufel („Mephisto“) einlässt, der ihm verspricht, ihm – wenn er ihm seine Seele überlässt – all das zu bieten, was er sich erhofft. Natürlich geht das nicht gut für Faust aus und sein Dasein wandelt sich zu einer wahren Tragödie, die nicht nur ihn selbst, sondern auch andere mit in den Abgrund reißt.

SINN UND SUCHE

Nun mag man sich fragen, weshalb dieser Stoff uns immer wieder auf’s Neue verzückt. Natürlich haben wir alle wie Faust eine Midlifecrisis, natürlich gelingt uns die Liebe nicht immer, natürlich fragen wir uns nicht nur einmal nach dem Sinn dessen, was wir tun. Aber ist das der alleinige Grund sein, dass diese Geschichte derart erfolgreich ist? Im Deutschunterricht verwendeten wir ein gesamtes Schuljahr auf den Faust I und das Nachfolgedrama Faust II. Zur selben Zeit führte der französischen Tänzer und Choreograph Maurice Béjart im Nationaltheater ein unglaublich bewegendes Ballett auf: „Notre Faust“ Sonderbarerweise erinnere ich mich an den Schlusssatz des Programmheftes: „Die Geschichte Fausts ist ewig“, stand dort zu lesen, „ein neuer Suchender ist bereits unterwegs.“

FAUST UND DER MONACO FRANZE

Hierin liegt womöglich der Schlüssel nicht nur zum Verständnis des Goethe‘schen Stückes, sondern auch zur Erklärung der nachhaltigen Wirkung dieses so menschlichen Dramas. Wir wollen – wie Faust – nicht nur wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, sondern lassen uns – frustriert über unser eigenes Dasein – immer wieder auf mephistophelische Verführungen und Verlockungen ein, von denen wir uns eine Verbesserung unserer conditio humana erhoffen. Egal wie diese Versuchungen, die uns täglich begegnen, aussehen mögen, sie machen uns nicht glücklich – das ist dann die späte Erkenntnis, die auch Faust gewinnen muss, aber da ist es schon zu spät für einen Rettung.

Mit anderen Worten: Je länger und öfter wir uns das, was uns fehlt, im Außen suchen, umso tiefer werden wir abstürzen. Helmut Dietls „Monaco Franze“ ist der Prototyp eines Fausts, der – obwohl es ihm an nichts mangelt – seine Erfüllung dort sucht, wo er mit Sicherheit scheitern muss. Viele „Helden“ gehen diesen Weg, die meisten kommen dabei um oder versagen grandios.

LEBEN MIT DEM „KICK“

Auf der anderen Seite steht Mephisto, das personifizierte Teuflische, das uns mit all seinen Verführungskünsten dazu bringen möchte, seinen Verlockungen zu folgen, die man natürlich bezahlen muss – im schlimmsten Fall mit dem eigenen Leben. Moderne Mephistos gibt es in der Weltpolitik ebenso wie im Sport oder in der Warenwelt des ganz normalen Alltags. Es gibt kaum einen unter uns, der den Versuchungen widerstehen kann, egal auf welchem Gebiet. Der Reiz des Verbotenen ist ungebrochen, genauso wie die Hoffnung auf immense Gewinne ohne sich dafür anstrengen zu müssen. Auch, wenn wir wissen, dass es uns nicht guttut – wir müssen es ausprobieren. Nun kann man fragen, was mit uns eigentlich los ist, dass wir – wodurch auch immer – derart verführbar sind und weshalb wir unser eigenes Leben nur durch immer neue „Kicks“ für spannend halten. Die spiegelbildliche Antwort hierauf liefert eben der Faust.

KAMPF UM DIE SEELE

Bleibt zu hoffen, dass der Erfolg des Festivals dazu führt, ein ähnliches Dauerevent mit hunderten Veranstaltungen zum Thema „Mephisto“ auf die Beine zu stellen. Hier könnten wir noch mehr Selbsterkenntnis erlangen als nur durch die Identifikation mit Faust. Denn wir selbst sind Faust und Mephisto, Mensch und Teufel, gut und böse. Das Streben nach Sinn hilft uns, unseren Schatten zu erkennen und zu dem zu werden, der wir wirklich sind, doch die Verführung (auch die kulturelle) ist so groß, dass immer mehr Teufel auf allen Gebieten des Lebens um unsere Seele wetteifern. Früher wehrten wir uns noch gelegentlich dagegen, heute geben wir sie als Datenpakete freiwillig in die Hände derer, die sich davon ernähren – wie die „Grauen Herren“ in Michael Endes Parabel „Momo“, die sich an der Lebenszeit der Menschen gütlich tun.

BIST DU MEPHISTO?

Die Ausstellung in der Kunsthalle München, die wie das gesamte Festival noch bis zum 29. Juli 2018 läuft, lautet: „Du bist Faust“. Es wäre sinnvoll, wenn es in zwei Jahren eine weitere Initiative gäbe, dieses Mal unter dem Motto: „Bist Du Mephisto?“ Denn erst dann können wir verstehen, was eigentlich mit uns los ist.

Weiter Informationen finden Sie unter: www.faustfestival.com

Herzlich,
Ihr
Dr. Hans Christian Meiser.

LESETIPP

Saison Opening in Kitz

Starkoch Eckart Witzigmann zählte die Küche vom Kitzbühler Sonnbühel längst zu den Besten über 1000 Metern. Jetzt startete man in die Saison ohne Tiroler Küche