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54 Tage allein im Eis: Karen Kyllesøs Weg zum Südpol

Als sie 2025 nach 54 Tagen den geografischen Südpol erreicht – den südlichsten Punkt der Erde mitten im antarktischen Eis –, liegen 1.130 Kilometer auf Skiern hinter ihr. Beim Scandinavian Media Day in München erzählt Karen Kyllesø von ihrer Rekordexpedition, Weihnachten allein im Zelt und der Erfahrung, sich selbst vertrauen zu können. In den Goldbergstudios haben wir mit ihr über schwierige Tage im Tiefschnee, Weihnachten im Zelt und das Vertrauen gesprochen, das entsteht, wenn man auf sich selbst angewiesen ist.

Geschafft: Nach 54 Tagen und 1.130 Kilometern auf Skiern erreicht Karen Kyllesø den Südpol. Ihr Lächeln hält sie auf einem Selfie fest.
Tiefschnee bis zu den Knien, Weihnachten allein im Zelt: Karen Kyllesø erzählt uns in München von ihrer Südpol-Expedition – und davon, wie sie lernte, sich selbst mehr zuzutrauen. @friluftsjenta

Nach rund 20 Tagen liegt Karen Kyllesø deutlich hinter ihrem Zeitplan. Stellenweise reicht ihr der Neuschnee bis zu den Knien. Etwa 22 Kilometer müsste sie täglich zurücklegen, um die Expedition wie geplant abzuschließen. Doch an manchen Tagen schafft sie nach ungefähr neun Stunden nur neun bis 14 Kilometer. Dann baut sie ihr Zelt auf, erschöpft von einem Tag, an dem sie alles gegeben hat und trotzdem nicht ausreichend vorangekommen ist.

Karen beschreibt diesen Moment als eine der schwierigsten Erfahrungen ihrer Reise. Mehr Einsatz allein hilft nicht weiter. Die Bedingungen kann sie nicht verändern. Sie muss mit ihnen umgehen – und am nächsten Morgen wieder aufbrechen.

Beim Scandinavian Media Day am 22. Oktober in München treffen wir sie als Botschafterin des norwegischen Merinowollspezialisten ACLIMA. Dort stellt die Marke neue Styles für die kalte Jahreszeit vor. Karen bringt die Erfahrungen einer Reise mit, auf der Kleidung und Ausrüstung täglich funktionieren mussten.

Sechs Jahre Vorbereitung für einen großen Traum

Karen wächst in einem kleinen Dorf in den Fjorden an Norwegens Westküste auf. Mit ihren Eltern verbringt sie viel Zeit draußen. Ungefähr mit 13 beginnt sie, auch allein auf Tour zu gehen. Sie liest über die norwegische Polarforschung und verfolgt die Abenteuer moderner Entdeckerinnen.

Mit 14 möchte sie Grönland durchqueren. Eine geführte Expedition zu finden, die eine so junge Teilnehmerin mitnimmt, ist allerdings schwierig. Erst nach einer vorbereitenden Tour im Norden Norwegens erhält sie die Gelegenheit.

Die Grönlanddurchquerung bestärkt sie: Solche Expeditionen möchte sie weiter unternehmen. Mit 15 beginnt sie, ihre Südpolreise vorzubereiten. Sechs Jahre vergehen bis zum Aufbruch. Sie organisiert die Finanzierung, trainiert und erprobt ihre Ausrüstung.

Aus dem Skilanglauf bringt sie Ausdauer mit. Für das Ziehen des schweren Schlittens braucht sie zusätzliche Kraft. Also zieht sie im Training Autoreifen hinter sich her. Auf Touren übt sie, allein mit ihrer Ausrüstung zurechtzukommen. Sie testet Abläufe und findet heraus, was funktioniert.

Auch mögliche Schwierigkeiten spielt sie vorher gedanklich durch. Was könnte passieren? Welche Lösung gäbe es? Später hilft ihr diese Vorbereitung selbst bei Problemen, die sie nicht vorausgesehen hat. Sie hat geübt, nach einem Ausweg zu suchen.

Karen Kyllesø war auf Skiern mit einem beladenen Expeditionsschlitten in einer weiten Schneelandschaft unterwegs.
Alles, was sie brauchte, zog sie selbst: Um den schweren Expeditionsschlitten durch Schnee und Eis bewegen zu können, trainierte Karen Kyllesø vorab mit Autoreifen, die sie hinter sich herzog. Fotocredit: @friluftsjenta

Antarktischer Sommer bedeutet trotzdem extreme Kälte

Für eine lange Südpol-Skiexpedition bleibt ein enges Zeitfenster im antarktischen Sommer, ungefähr zwischen November und Ende Januar. In diesen Monaten betreibt der Expeditionslogistiker Antarctic Logistics & Expeditions seine Camps und Flüge. Direkt am Südpol liegt die sommerliche Durchschnittstemperatur bei etwa minus 28 Grad; entlang der Route unterscheiden sich die Bedingungen je nach Ort und Wetter. antarctic-logistics.com

Essen, Brennstoff und Ausrüstung zieht Karen von Anfang an im Schlitten hinter sich her. Ihre Verpflegung ist in Tagesportionen gepackt. Was sie unterwegs braucht, muss sie vorher eingeplant haben.

Nach dem täglichen Skimarsch wartet die nächste Arbeit: Zelt aufbauen, Schnee für Wasser schmelzen, Essen zubereiten. Am Morgen wird wieder eingepackt.

Im Gespräch erzählt Karen auch von geschwollenen Lippen und den Spuren, die die Kälte hinterlassen hat. Auf Kosmetik verzichtet sie unter diesen Bedingungen bewusst. Der Alltag richtet sich nach dem, was nötig ist, um warm zu bleiben, zu essen, sich zu erholen und weiterzugehen.

Eine außergewöhnliche Härtetesterin für Merinowolle

Auf ihrer Expedition trägt Karen Merinowolle von ACLIMA. Für die Marke ist sie damit eine außergewöhnliche Härtetesterin: 54 Tage körperliche Belastung im antarktischen Eis sind ein anspruchsvoller Praxiseinsatz für Funktionskleidung.

Nach ihren Lieblingsstücken gefragt, nennt sie im Gespräch ganz praktische Dinge: eine Unterhose und eine längere Hose aus Merinowolle. Kleidungsstücke, die direkt am Körper getragen werden, stehen bei ihr besonders hoch im Kurs.

Wie sorgfältig sie ihre Ausrüstung zusammenstellt, zeigt auch ihr Umgang mit dem Gewicht. Sie prüft jedes Teil auf seinen Nutzen, sucht nach leichteren Lösungen und kürzt sogar den Griff ihrer Zahnbürste. Alles, was mitkommt, muss sie selbst ziehen.

Allein sein macht ihr keine Angst

Die Abgeschiedenheit ist für Karen ein wesentlicher Grund, in die Antarktis aufzubrechen. Sie erzählt von einem Blick, der kilometerweit auf keinen Menschen, kein Haus und keine fremde Spur trifft. Um sie herum glitzert der Schnee. Diesen Anblick beschreibt sie als magisch.

Pinguine und Robben, die viele mit der Antarktis verbinden, leben an den Küsten beziehungsweise am Meer. Am Südpol selbst gibt es keine ansässige Tierwelt. icecube.wisc.edu

Angst habe sie unterwegs nicht gehabt, sagt Karen. Sie rechnete dort weder mit einem Menschen noch mit einem Tier, das ihr gefährlich werden könnte. Die Abgeschiedenheit gab ihr in dieser Hinsicht Sicherheit. Kälte, Wetter und Erschöpfung blieben die Herausforderungen, denen sie sich stellen musste.

Auch einsam habe sie sich nicht wirklich gefühlt. Für Karen unterscheidet sich das Alleinsein in der Natur von der Einsamkeit, die man mitten unter Menschen in einer Stadt empfinden kann.

Die Verbindung nach Hause hat sie trotzdem im Gepäck. Freunde und Familie haben ihr persönliche Briefe und Nachrichten mitgegeben. Für jeden Tag gibt es etwas zu lesen: Erinnerungen, liebe Worte, Ideen für gemeinsame Unternehmungen nach ihrer Rückkehr. Die Zeilen erinnern sie daran, dass Menschen auf sie warten – unabhängig davon, wie die Expedition ausgeht.

Weihnachten im Zelt

Weihnachten möchte Karen zunächst am liebsten ausblenden. Sie will nicht zu viel darüber nachdenken, was ihre Familie gerade zu Hause macht und was sie selbst verpasst.

Doch ihre Eltern haben ihr kleine Weihnachtsüberraschungen mitgegeben. Als der Tag kommt, freut sie sich darüber. Mitten im Expeditionsalltag hat sie etwas Besonderes bei sich, ein Stück Zuhause.

Was ihr sonst fehlt, sind auch einfache Beschäftigungen: etwas mit den Händen machen, kreativ sein, Ukulele spielen. Darin sei sie nicht besonders gut, erzählt sie. Zu Hause spiele sie trotzdem mehrmals pro Woche.

Wie sie sich zum Weitergehen motiviert

Karen wird als Rednerin eingeladen, um über Motivation und ihre Erfahrungen auf Expedition zu sprechen. Die Fragen dahinter kennt sie aus eigener Erfahrung: Wie weitermachen, wenn der Plan nicht aufgeht? Was tun, wenn man alles gibt und trotzdem hinter dem Ziel zurückbleibt?

Ihr hilft eine Haltung, mit der sie aufgewachsen ist: weniger grübeln, ins Handeln kommen. Ihre Eltern seien liebevoll gewesen, erzählt sie. Zugleich hätten sie sie ermutigt, selbst etwas an einer schwierigen Situation zu verändern.

„Es geht nicht darum, keine Gefühle zu haben, sondern ihnen nicht zu viel Raum zu geben“, sagt Karen.

Auf Expedition hilft ihr das, sich auf den nächsten notwendigen Schritt zu konzentrieren. Auch die erwartete Dauer einer Reise spielt für sie eine Rolle. Wer fünf Tage unterwegs ist, kann schon am dritten Tag langsam genug haben. Wer dagegen weiß, dass noch mehr als ein Monat bevorsteht, stellt sich innerlich auf eine andere Strecke ein.

Am Südpol (Antarktis): frisches Essen, Champagner und Schlaf

Als Karen den Südpol erreicht, wartet eine frisch zubereitete Mahlzeit in einem warmen Zelt auf sie. Es gibt auch Champagner. Sie stößt mit den Menschen an, die sie empfangen. Doch nach wenigen Schlucken setzt sich die Erschöpfung durch. Sie braucht vor allem Schlaf.

Vor dem Start wusste sie nicht, ob sie es schaffen würde. Sie wollte es unbedingt versuchen. Dass sie die Belastungen tatsächlich bewältigen konnte, gehört zu den Erfahrungen, die sie selbst am meisten überrascht haben.

Inzwischen arbeitet Karen an einem Buch. Nach einer Agentur oder einem Verlag sucht sie bislang nicht. Sie gibt ungern die Kontrolle ab, erzählt sie, und möchte das Projekt zunächst selbst gestalten.

Was sie vom Südpol mitgenommen hat, beschreibt sie anhand einer Alltagssituation. Wenn zu Hause etwas am Auto oder an ihrer Ausrüstung kaputtgeht, ruft sie normalerweise ihren Vater an. In der Antarktis konnte er ihr die Reparatur nicht abnehmen. Sie musste selbst eine Lösung finden – und stellte fest, dass ihr das häufig gelang.

„Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben“, sagt Karen. Dieses Vertrauen reicht über die Expedition hinaus: Beim nächsten Problem will sie es erst einmal selbst versuchen.

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