Die Pianistin Varvara Manukyan und Orgelbauer Helmut Balk gestalten am 21. November 2026 im Gasteig HP8 einen Abend mit Fortepiano und Hölderlin: Sie spielt, er spricht. Wir haben die beiden im Greifenberger Institut besucht und erlebt, wie anders Beethoven auf einem historischen Hammerflügel klingt – und wie eng Musik und Instrumentenbau miteinander verbunden sind.

Was verändert sich, wenn Beethoven auf einem Instrument erklingt, dessen Bauweise seiner musikalischen Welt nähersteht? Varvara Manukyan macht es uns in Greifenberg hörbar. Die Melancholie in Beethovens Musik, ihre leisen und einsamen Momente scheinen plötzlich näher zu rücken. Für uns fühlt es sich an, als gehe diese Musik unmittelbar in die Seele.
„Der Genius der Poesie“ heißt der Abend mit Fortepiano und Lesung, der Beethoven und Hölderlin am 21. November im Gasteig HP8 zusammenbringt. Warum das Instrument dabei eine entscheidende Rolle spielt, lässt sich schon bei unserem Besuch verstehen.
Ein Orgelbauer, der Instrumente wie Quellen liest
Helmut Balk kann einen mitnehmen in diese Welt. Der Orgelbauer und Institutsleiter erzählt von Herstellungsverfahren, von Klangvorstellungen und davon, was ein Instrument über seine Entstehungszeit verrät. Hinter einer Taste, einem Stück Holz oder einem kleinen Teil der Mechanik steckt für ihn eine Geschichte, die es zu entschlüsseln gilt.
Historische Instrumente betrachtet er als Quellen. Ihre Substanz und ihre handwerklichen Spuren sollen erhalten bleiben. Im Gespräch unterscheidet Balk deshalb ausdrücklich zwischen Restaurierung und konservatorischen Maßnahmen: Die Originale werden erforscht und bewahrt, ohne sie für heutige Ansprüche umzubauen. Denn jeder Eingriff kann historische Spuren unwiederbringlich verändern – und damit auch Hinweise darauf, wie ein Instrument ursprünglich gebaut wurde und klang.
Wie wurde ein Bauteil gefertigt? Wie greifen die einzelnen Elemente ineinander? Welche klangliche Absicht lässt sich darin erkennen? Solche Fragen führen tief in das Denken der Instrumentenbauer. Balk erklärt, zeigt und spielt uns eine Aufnahme vor. Aus dem Gespräch über Konstruktion wird ein Klangerlebnis. Unser Besuch entwickelt sich zu einem Eintauchen in eine Arbeit, bei der Forschung, Handwerk und Musik zusammengehören.
Zwei Fortepianos, zwei gesellschaftliche Welten
Besonders anschaulich wird das an zwei spielbaren Fortepianos, die Balk uns erläutert. Sie wurden für unterschiedliche Situationen konzipiert: eines für große Säle, das andere für das Musizieren in kleiner Gesellschaft.
Der Unterschied erzählt auch davon, wie Menschen Musik erleben. Für welchen Raum wurde ein Instrument gebaut? Wie viele Zuhörer sollte sein Klang erreichen? Welche Nähe zwischen Musizierenden und Publikum war vorgesehen?
Das Greifenberger Institut untersucht solche Zusammenhänge und fertigt auf Grundlage seiner Forschung Rekonstruktionen historischer Instrumente. Sie ermöglichen es, Bauweisen und Klangeigenschaften praktisch zu erproben, während die Originale als Quellen bewahrt bleiben.
Als das Ich in der Musik mehr Raum bekam
Im Laufe des 18. Jahrhunderts rückte das persönliche Empfinden stärker in den Mittelpunkt der Kunst. In der Musik der Empfindsamkeit wurden feinste Gefühlswechsel zum Gestaltungsmittel. Das Fortepiano bot dafür besondere Möglichkeiten: Über den Anschlag ließen sich Töne unmittelbar in ihrer Lautstärke abstufen, Melodien hervorheben und musikalische Spannungen formen. So wird an seiner Mechanik auch eine größere Geschichte verständlich – die wachsende Bedeutung des individuellen Ausdrucks. Doch wer einen modernen Konzertflügel beherrscht, ist mit einem Fortepiano noch längst nicht vertraut. Es verlangt eine eigene Spieltechnik.

Was die Finger erzählen können
Varvara Manukyan erschließt diese Welt vom Spielen her. Sie beschreibt die präzise Arbeit der Finger und verortet die Wurzeln dieser Technik beim Klavichord. Dabei zieht sie einen Vergleich zu jener romantischen Klavierschule, in der sie selbst das stärker aus Arm und Schulter geführte Spiel am großen modernen Flügel kennengelernt hat.
Wie ein Instrument reagiert, beeinflusst die Bewegung – und damit auch die musikalische Gestaltung. Wenn Manukyan vorspielt, bekommt das eine unmittelbare Verständlichkeit. Man hört genauer hin, folgt einer Melodie anders, entdeckt in vertrauter Musik neue Nuancen.
Gerade darin liegt der Reiz dieser Begegnung: Balk erklärt, was die Instrumentenbauer in Holz, Saiten und Mechanik angelegt haben. Manukyan lässt hören, welche Ausdrucksmöglichkeiten daraus entstehen.

Wenn die Werkstatt zum Konzertort wird
Mehrmals im Jahr öffnet sich die Werkstatt auch für Konzerte. Wo sonst historische Instrumente untersucht und handwerkliche Details erforscht werden, erlebt das Publikum Musik aus nächster Nähe.
Die Arbeit aus Greifenberg reicht zugleich auf größere Bühnen und in Aufnahmestudios. Für das Album „Maria Theresia Paradis“ mit Ragna Schirmer und der Hofkapelle München unter Rüdiger Lotter kamen ein Walter-Nachbau aus Greifenberg und ein Hammerflügel von Joseph Böhm mit eingebautem Orgelregister zum Einsatz. Das Projekt war auch beim Mozartfest 2025 in der Würzburger Residenz zu erleben.
Beethoven und Hölderlin im Gasteig
Mit „Der Genius der Poesie“ rücken nun zwei Künstler des Geburtsjahrgangs 1770 zusammen: Ludwig van Beethoven und Friedrich Hölderlin. Im Mittelpunkt des Abends stehen Werke aus den späten 1790er-Jahren.
Helmut Balk führt vorab in das Programm ein. Wer ihn erlebt hat, darf sich dabei auf einen Zugang freuen, der über Lebensdaten und Werkbeschreibungen hinausgeht. Und wer Varvara Manukyan zuhört, kann entdecken, wie viel eine vertraute Musik noch zu erzählen hat.
Konzert auf einen Blick
- „Der Genius der Poesie“ – Geboren 1770: Beethoven und Hölderlin
- Programm: Fortepiano und Lesung, Werke aus den späten 1790er-Jahren
- Termin: Samstag, 21. November 2026
- Ort: Gasteig HP8, Saal X
- 18.30 Uhr: Einführung mit Helmut Balk, Greifenberger Institut
- 19.30 Uhr: Konzertbeginn
- Eintritt: 25 Euro, Schüler und Studierende 17 Euro
- Karten: bei München Ticket, im Gasteig HP8 und an der Abendkasse


