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IHK-Stammhaus München: Die vergessene Kunstgeschichte der Familie Drey

Mitten in der Max-Joseph-Straße, dort, wo München bis heute Macht, Handel und Repräsentation ausstrahlt, liegt eine Geschichte, die lange im Schatten stand. Das heutige IHK-Stammhaus war einst eng verbunden mit einer der bedeutendsten Adressen des europäischen Kunsthandels: der Kunsthandlung Drey. Am 2. Mai 2026 erinnerten Kunsthistorikerin Birgit Jooss und Nicholas Drey, aus London angereister Nachfahre der Münchner Kunsthändlerfamilie, im Rahmen der Erinnerungsinitiative „Denkmal am Ort“ an Aufstieg, internationale Strahlkraft und gewaltsames Ende dieser besonderen Münchner Familiengeschichte. Der Vortrag fand im IHK-Gebäude in der Max-Joseph-Straße 2 statt.

Im IHK-Stammhaus wurde die Geschichte der Kunsthändlerfamilie Drey lebendig: IHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl, Nicholas Drey aus London, Kunsthistorikerin Birgit Jooss und Marie Rolshoven von „Denkmal am Ort“. © IHK München
Im IHK-Stammhaus wurde die Geschichte der Kunsthändlerfamilie Drey lebendig (v.l.n.r.): IHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl, Nicholas Drey aus London, Kunsthistorikerin Birgit Jooss und Marie Rolshoven von „Denkmal am Ort“. © IHK München

Eine Münchner Kunstadresse von europäischem Rang

Die Kunst- und Antiquitätenhandlung A. S. Drey gehörte zu den renommiertesten Kunsthandlungen Münchens und zählte vor ihrer „Arisierung“ zu den umsatzstärksten Unternehmen des Münchner Kunst- und Antiquitätenhandels.

Noch 1927 wurde Siegfried Drey, der auch als Kommerzienrat und Handelsrichter wirkte, zum ersten Vorsitzenden des Verbandes des Deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels gewählt. Die Familie Drey stand damit für eine Ära, in der München nicht nur Kunststadt, sondern auch ein bedeutender internationaler Handelsplatz für Antiquitäten, Sammlerstücke und hochkarätige Kunst war.

1911 ließ die Kunsthandlung Drey vom damaligen Stararchitekten Gabriel von Seidl ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus errichten – in direkter Nachbarschaft des „Hauses für Handel und Gewerbe“. Das Gebäude wurde zu einer Adresse, die Münchner Eleganz, Unternehmertum und Kunstverständnis miteinander verband.

Architektur mit Gedächtnis: Das heutige IHK-Gebäude an der Max-Joseph-Straße 2 wurde 1911 von Gabriel von Seidl für die Kunsthandlung Drey errichtet. © Goran Gajanin / Das Kraftbild / IHK München
Architektur mit Gedächtnis. Das heutige IHK-Gebäude an der Max-Joseph-Straße 2 wurde 1911 von Gabriel von Seidl für die Kunsthandlung Drey errichtet. © Goran Gajanin, Fotostudio: Das Kraftbild / IHK München

Der Bruch ab 1933

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete diese Münchner Erfolgsgeschichte brutal. Die jüdische Familie Drey wurde verfolgt, entrechtet und wirtschaftlich unter Druck gesetzt. Die Familie war gezwungen, das Haus zu verkaufen. 1935 erwarb die Handelskammer das Gebäude für 1,3 Millionen Reichsmark. Ein erheblicher Teil des Erlöses wurde durch willkürlich erhöhte Steuerforderungen der NS-Finanzbehörden abgeschöpft.

Siegfried Drey starb 1936 in München nach einem Besuch im Finanzamt an einem Herzinfarkt. Im Gedenkbuch der Stadt München ist er als Antiquitätenhändler und Geheimer Kommerzienrat verzeichnet.

Die Kunsthandlung wurde „arisiert“, die Familie floh nach Amerika und England. Der Kunstbesitz wurde zwangsversteigert, um weitere Forderungen des NS-Regimes zu bedienen. Siegfried Dreys Tochter Luise Drey blieb in München. Sie gehörte zu jenen Münchner Jüdinnen und Juden, die im November 1941 nach Kaunas in Litauen (ca. 1.400 km von München) deportiert und dort ermordet wurden.

Restitution: Der lange Schatten des Verlusts

Auch nach 1945 blieb die Geschichte der Familie Drey schmerzhaft. Im Juni 1947 schrieb Dr. Paul Drey, Sohn von Siegfried Drey, aus New York an die Handelskammer und teilte mit, dass die Familie keine Restitution des Gebäudes verlangen werde. Die Handelskammer sei aus Sicht der Familie ein fairer Verhandlungspartner gewesen und habe das Haus zu einem nicht unangemessenen Preis erworben.

Stattdessen versuchte die Familie in der Nachkriegszeit, den verlorengegangenen Kunstbesitz aus den Zwangsversteigerungen zurückzuerlangen – ein fast aussichtsloses Unterfangen. Laut Kunsthistorikerin Birgit Jooss sei bislang nur für etwa zehn Prozent der Versteigerungsware eine gütliche Einigung gelungen.

Gerade diese Zahl zeigt, wie lange der Schatten der NS-Raubkunst reicht. Provenienzforschung ist deshalb nicht nur wissenschaftliche Detailarbeit, sondern Erinnerungskultur. Sie fragt danach, wem Kunst einst gehörte, unter welchen Umständen sie den Besitzer wechselte und welche Geschichten hinter Objekten verborgen liegen.

Warum diese Geschichte heute München angeht

Die Geschichte der Kunsthandlung Drey ist mehr als ein Kapitel der IHK-Historie. Sie erzählt von einem München, das mondän, kunstsinnig und international vernetzt war. Und von einem München, das jüdische Unternehmer, Sammler und Familien durch Ausgrenzung, Enteignung und Verfolgung verlor.

Dass diese Geschichte heute im IHK-Stammhaus erzählt wurde, gibt dem Ort eine neue Tiefe. Gebäude sind nie nur Fassaden. Sie speichern Biografien, Brüche und Verantwortung. Wer durch die Max-Joseph-Straße geht, sieht repräsentative Architektur. Wer die Geschichte der Familie Drey kennt, sieht dahinter auch Glanz, Verlust und die Verpflichtung zur Erinnerung.

Für und bedeutet es deshalb nicht nur, das Schöne der Stadt zu zeigen. Es bedeutet auch, ihr kulturelles Gedächtnis ernst zu nehmen. Besonders dort, wo Münchens Eleganz und Münchens Schmerz so nah beieinanderliegen.

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