Der gedeckte Tisch erlebt ein Comeback. Nicht als steifes Ritual mit komplizierten Benimmregeln, sondern als Ausdruck von Gastfreundschaft, Stil und persönlicher Wertschätzung. Wer heute Freunde zum Dinner einlädt, möchte nicht nur gutes Essen servieren. Der Abend soll bereits beim Eintreten beginnen – mit Licht, Musik, Blumen und einer Tafel, die neugierig macht.
Genau dafür stehen Tini Schramm und Gloria Epstein. Ihr kreatives Domizil befindet sich in einem charmanten Pavillon am Münchner Herzogpark – ein ebenso ungewöhnlicher wie passender Ort für ihre Ideen rund um moderne Tischkultur.

Bei einem Event unter dem Motto „The Art of the Summer Table“ im Ingolstadt Village präsentierten die beiden ihre wichtigsten Tipps für eine sommerliche Tafel. Ihre Botschaft: Ein schöner Tisch braucht weder ein vollständig abgestimmtes Service noch ein starres Regelwerk.
Von der Modewelt an den Esstisch
Tini Schramm und Gloria Epstein lernten sich über ihre Kinder kennen. Aus der Freundschaft entwickelte sich mit der Zeit eine gemeinsame kreative Idee. Dass daraus einmal ein Business entstehen würde, war zunächst nicht geplant.
„Wir hätten nie gedacht, dass daraus ein Unternehmen entsteht“, erzählen die beiden. Die Arbeit an neuen Tischkonzepten fühle sich für sie bis heute eher wie gemeinsames Gestalten als wie ein klassischer Beruf an.
Beide bringen Erfahrungen aus der Modewelt mit. Tini Schramm ist mit dem Familienunternehmen Mytheresa verbunden, Gloria Epstein ist die Schwester des Designers Philipp Plein. Ihr Gespür für Farben, Materialien, Proportionen und Inszenierung übertragen sie heute auf den gedeckten Tisch. Auch ihr privates Umfeld ist unternehmerisch geprägt: Glorias Ehemann Niklas Epstein schaffte es bereits 2016 mit der Beauty-Firma New Flag auf die Forbes-Liste „30 Under 30“.
Dabei geht es ihnen nicht um Perfektion. Entscheidend ist die Atmosphäre.
„Ein liebevoll und individuell gedeckter Tisch macht das Zusammensein mit Familie und Freunden noch besonderer“, sagt Tini Schramm. Gloria Epstein ergänzt: „Wir möchten andere motivieren, Menschen einzuladen und gemeinsam Erinnerungen zu schaffen.“

Ein schöner Tisch beginnt mit Wertschätzung
Für Table Desires ist die gedeckte Tafel mehr als Dekoration. Sie bestimmt, wie sich ein Abend anfühlt.
Die beiden decken deshalb gern vollständig ein, bevor die Gäste kommen. Teller, Gläser, Besteck und Servietten sollen bereits beim Betreten des Raumes einen ersten Eindruck davon vermitteln, was die Gäste erwartet. Das müsse keineswegs kompliziert sein. Vielmehr soll der Tisch zeigen: Jemand hat sich Zeit genommen und Gedanken gemacht.
Genau darin liegt für die beiden der eigentliche Wert des Table Settings. Nicht in der perfekten Regel, sondern in der Geste.
Weißes Geschirr ist alles andere als langweilig
Für die sommerliche Tafel im Ingolstadt Village entschieden sich Schramm und Epstein bewusst für schlichtes weißes Porzellan. Denn genau solche Teller stehen in vielen Haushalten bereits im Schrank.
Ein klassisches weißes Service müsse keineswegs langweilig wirken. Entscheidend sei die Kombination mit anderen Materialien, Farben und Formen.
Edles Porzellan kann mit rustikaler Keramik verbunden werden, klares Glas mit einzelnen farbigen Gläsern, Erbstücke mit modernen Tellern. Unterschiedliche Oberflächen machen die Tafel lebendig und verleihen ihr Persönlichkeit.
Das wichtigste Prinzip lautet deshalb:
Mut zum Mix.
Wer kein vollständiges Service für zehn oder zwölf Personen besitzt, muss nichts neu kaufen. Frühstücksgeschirr, Einzelstücke, geerbtes Porzellan und moderne Teller dürfen gemeinsam auf den Tisch. Gerade diese Mischung lässt eine Tafel individuell wirken.
Tischsets schaffen Ruhe
Tini Schramm arbeitet gern mit Platztellern und Tischsets. Sie geben dem Tisch ein optisches Grundgerüst und schaffen Symmetrie.
Das ist besonders hilfreich, wenn unterschiedliche Teller, Gläser oder Materialien kombiniert werden. Die wiederkehrende Form der Tischsets bringt Ruhe in den Mix und sorgt dafür, dass die Tafel trotz verschiedener Elemente geschlossen wirkt.
Dabei müssen Tischsets nicht zwingend formal oder klassisch sein. Im Sommer dürfen sie aus Naturmaterialien bestehen, Farbe aufnehmen oder bewusst einen Kontrast zum Geschirr setzen.
Welche Gläser gehören wohin?
Auch beim Thema Gläser plädieren die beiden für Gelassenheit. Für ihre Sommertafel wählten sie bewusst klassische, transparente Gläser – wiederum aus dem Gedanken heraus, dass viele Menschen solche Gläser bereits besitzen.
Farbige Gläser können dazwischen gesetzt werden und dem Tisch einen fröhlichen Akzent geben.
Natürlich gibt es klassische Tischregeln. Das Glas, aus dem am häufigsten getrunken wird, steht üblicherweise am nächsten zum Gast. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das meist das Wasserglas. Von dort werden die Weingläser schräg nach oben in Richtung Tischmitte angeordnet.
Doch auch kulturell gibt es Unterschiede. In südlichen Ländern kann das Weinglas näher am Gast stehen. Für Table Desires ist das ein gutes Beispiel dafür, dass Tischkultur nicht nur aus festen Regeln besteht, sondern auch von Gewohnheiten und Lebensgefühl geprägt wird.
Ihr Rat: Regeln kennen, aber nicht von ihnen beherrschen lassen.
Stoffserviette oder Papier?
Bei Servietten vertreten Tini Schramm und Gloria Epstein unterschiedliche Positionen.
Tini sieht hochwertige Papierservietten bei lockeren Anlässen durchaus entspannt. Gloria bevorzugt für Gäste konsequent Stoffservietten, weil sie ruhiger und wertiger wirken.
Einigkeit besteht darin, dass Servietten nicht kompliziert gefaltet werden müssen. Statt eines klassischen Serviettenrings genügt oft ein schmales Geschenkband, eine Schleife, ein Kräuterzweig oder eine kleine Blüte.
Weiße Servietten lassen sich mit farbigen Bändern leicht an die Jahreszeit oder das Geschirr anpassen.
Wo die Serviette liegt, ist für die beiden weniger wichtig als das Gesamtbild. Klassisch gehört sie links neben die Gabeln oder flach auf den Teller. Bei einer lockeren Sommertafel darf sie jedoch dort platziert werden, wo sie optisch am besten wirkt.
Besteck ohne Stress
Auch die klassische Besteckreihenfolge ist einfacher, als viele denken: Gegessen wird von außen nach innen. Das Besteck für den ersten Gang liegt entsprechend außen.
Doch bei einem Barbecue, Gartenfest oder informellen Dinner muss nicht jedes Besteckteil exakt ausgerichtet werden. Eine entspannte Alternative ist ein schöner Krug oder ein Gefäß in der Mitte des Tisches, in dem Messer und Gabeln bereitstehen.
Das nimmt der Tafel die Strenge und passt besonders gut zu sommerlichen Einladungen.
Blumen, Licht und kleine Brüche
Für eine gelungene Sommertafel empfehlen Schramm und Epstein wenige, aber wirkungsvolle Elemente.
Saisonale Blumen bringen Natürlichkeit auf den Tisch. Tini Schramm bevorzugt Blumen, die zur jeweiligen Jahreszeit passen. Gloria Epstein arbeitet inzwischen auch mit hochwertigen künstlichen Blumen und mischt sie teilweise mit frischen Blüten.
Wichtig ist, dass die Arrangements nicht zu hoch werden. Gäste sollten sich weiterhin problemlos sehen und miteinander sprechen können.
Für die Beleuchtung empfehlen die beiden kabellose Tischleuchten. Sie funktionieren drinnen wie draußen und schaffen auch dann Atmosphäre, wenn Kerzen wegen Wind oder Sicherheitsfragen unpraktisch sind.
Pagoden, kleine Objekte oder einzelne dekorative Elemente dürfen den Tisch ergänzen. Zu viel Dekoration ist jedoch selten nötig. Oft wirkt eine Tafel stärker, wenn einzelne Akzente bewusst gesetzt werden.
Musik gehört zum Table Setting
Ein Punkt wird bei der Vorbereitung eines Dinners oft unterschätzt: die Musik. Für Table Desires gehört der passende Sound ebenso zur Atmosphäre wie Geschirr, Licht und Blumen. Musik kann einen Raum wärmer, entspannter oder lebendiger wirken lassen, noch bevor das Essen serviert wird.
Am besten beginnt die Playlist bereits vor dem Eintreffen der Gäste. So entsteht vom ersten Moment an eine Stimmung, die den Abend trägt.
Der SOS-Plan für hungrige Gäste
Nicht jedes Dinner beginnt pünktlich. Damit hungrige Gäste nicht ungeduldig werden, empfehlen Schramm und Epstein einen kleinen Snackbereich.
Eine Etagere mit Oliven, Grissini, Parmaschinken oder kleinen Häppchen sieht dekorativ aus und überbrückt die Zeit bis zum ersten Gang.
Auch hier gilt: Es geht nicht um großen Aufwand. Entscheidend ist, dass die Gäste sich willkommen und versorgt fühlen.
Hosting statt Perfektion
Der Erfolg von Table Desires zeigt, dass der gedeckte Tisch wieder stärker als sozialer Ort wahrgenommen wird. Nicht als Bühne für Perfektion, sondern als Rahmen für Nähe, Austausch und gemeinsame Zeit.
Ein schöner Tisch muss nicht teuer sein. Er darf geerbtes Porzellan, Alltagsgeschirr, farbige Gläser und persönliche Fundstücke verbinden. Gerade daraus entsteht Individualität.
Der wichtigste Tipp von Tini Schramm und Gloria Epstein lautet deshalb nicht, noch mehr zu kaufen. Er lautet: Menschen einladen, vorhandene Dinge neu kombinieren und sich von Regeln nicht einschüchtern lassen.
Denn eine gelungene Tafel sagt vor allem eines:
Du bist willkommen.
Text: Andrea Vodermayr / ExklusivMünchen


