Am Bahnhof von Gauting bei München entsteht ein Wohnprojekt, das mit mehreren Gewohnheiten des Bauens bricht. Statt konventioneller Dämmstoffe kommen Pflanzen aus wiedervernässten Moorlandschaften zum Einsatz. Das Projekt trägt den Namen MOORITZ und gehört zu den wenigen Modellprojekten in Bayern, die im Rahmen des sogenannten „Gebäudetyp-e“ experimentelles Bauen testen dürfen.
Hinter dem Projekt steht die Münchner Architektin und Unternehmerin Melanie Hammer, geschäftsführende Gesellschafterin der BHB Unternehmensgruppe. Ihr Ziel ist es, zu zeigen, dass nachhaltiger Wohnungsbau nicht zwangsläufig teurer sein muss. „Wir wollen zeigen, dass klimagerechter und kostengünstiger Wohnraum kein Widerspruch ist“, sagt Hammer.
Nachhaltiger Wohnungsbau München

Bauen mit Moorpflanzen
Besonders ungewöhnlich ist der Einsatz sogenannter Paludi-Baustoffe. Dabei handelt es sich um Materialien aus Pflanzen, die auf wiedervernässten Moorflächen wachsen – etwa Schilf, Rohrkolben oder Feuchtwiesengräser.
Diese Pflanzen haben zwei entscheidende Vorteile: Sie speichern CO₂ und können gleichzeitig als nachhaltige Baumaterialien eingesetzt werden. Im Projekt MOORITZ sollen solche Materialien beispielsweise in Dämmungen oder im Innenausbau verwendet werden. Begleitet wird dieses Experiment von Forschern der Technischen Universität München, die untersuchen, wie bioregionale Baustoffe künftig stärker im Bauwesen eingesetzt werden können.
Moore spielen dabei eine besondere Rolle im Klimaschutz. Obwohl sie nur einen kleinen Teil der Fläche ausmachen, speichern sie enorme Mengen an Kohlenstoff. Werden sie wiedervernässt und gleichzeitig wirtschaftlich genutzt, können sie einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen leisten.
Ein Modellprojekt für das Bauen der Zukunft
Das Projekt ist Teil des bayerischen Modellprogramms „Gebäudetyp-e“, das experimentelle Bauweisen erproben soll.
Für Architektin Melanie Hammer steht das „E“ dabei nicht nur für experimentelles Bauen, sondern auch für einen neuen Ansatz im Umgang mit Architektur: „Das E steht für experimentell – aber auch für empathisches Bauen“. Gebäude müssten künftig stärker mit ihrer Umgebung arbeiten und eine Verbindung zu ihr eingehen.
Der Ansatz zielt darauf ab, nachhaltige Materialien, vereinfachte Bauprozesse und neue Wohnformen miteinander zu verbinden.
Weniger Bürokratie im Wohnungsbau
Ein Ziel des Modellprojekts ist es deshalb, zu testen, wie Bauprozesse einfacher und schneller werden können. Gerade Vorschriften im Bereich Schallschutz, Emissionsschutz oder Materialzulassungen sorgen in vielen Projekten für lange Planungszeiten und steigende Baukosten.
Das Modell „Gebäudetyp-e“ soll deshalb zeigen, welche Regelungen tatsächlich notwendig sind – und wo Verfahren vereinfacht werden könnten, ohne Sicherheit oder Gesundheit zu gefährden.
Architektur mit Fahrrad-Fassade
Auch architektonisch setzt das Projekt ungewöhnliche Akzente. Die Fassade zur Bahnseite soll als eine Art „Setzkasten“ gestaltet werden, in dem Fahrräder der Bewohner sichtbar integriert sind. Ergänzt wird die Gestaltung durch Rankgitter aus recycelten Fahrradteilen, die gleichzeitig zur Begrünung beitragen.
Im Erdgeschoss entsteht ein sogenannter Mobility Hub mit Werkstatt, Küche und Aufenthaltsbereichen – ein Treffpunkt für Bewohner und Radfahrer gleichermaßen.
Baustart für 2026 geplant
Der Rückbau der bestehenden Gebäude auf dem Grundstück begann Anfang 2026. Nach Einreichung des Bauantrags plant die BHB Unternehmensgruppe derzeit mit einem Baubeginn im Sommer 2026. Wenn alles nach Plan läuft, könnten die ersten Bewohner bereits im Jahr 2027 einziehen.
Warum sind Moorbaustoffe im Wohnungsbau interessant?
Es ist erst einmal ein Experiment für das Bauen der Zukunft. Moorpflanzen wachsen schnell, speichern CO₂ und können regional angebaut werden. Als Baustoff bieten sie die Möglichkeit, Gebäude klimafreundlicher zu bauen. Gleichzeitig schaffen sie eine neue landwirtschaftliche Wertschöpfung.
Das Projekt in Gauting gehört zu einer kleinen Gruppe von Modellprojekten, mit denen Bayern neue Wege im Wohnungsbau testet. Insgesamt wurden nur 19 Vorhaben ausgewählt. In ganz Bayern entstehen derzeit diese Modellprojekte – von besonders energiearmen Häusern bis zu experimentellen Holzbauprojekten. Das MOORITZ gehört dabei zu den wenigen Vorhaben, die den Einsatz sogenannter Paludi-Baustoffe aus Moorpflanzen erproben.
Projekt MOORITZ – die wichtigsten Fakten
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Standort: Gauting bei München
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99 Wohnungen
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Baustoffe aus Moorpflanzen (Paludi-Materialien)
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Mobilitätskonzept ohne Tiefgarage
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Fahrradwerkstatt und Sharing-Angebote
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Projekt der BHB Unternehmensgruppe
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wissenschaftliche Begleitung durch die Technische Universität München. Da fällt uns auch die Forschungshäuser von Bad Aibling ein.


