Offiziell steht die INHORGENTA 2026 unter dem Leitmotiv „Craftsmanship“. Handwerk, Präzision, Exzellenz. Begriffe, die in der Schmuck- und Uhrenwelt selbstverständlich erscheinen. Doch wer die Messe nicht nur als Branchentreffen, sondern als Stimmungsbarometer versteht, erkennt schnell: Es geht um weit mehr als um Gold und Edelsteine. Yvonne Wirsing war am ersten Inhorgenta Tag vor Ort!

Schon bei der Opening-Pressekonferenz wurde deutlich, dass sich der Diskurs verschoben hat. Auf der Bühne stand Pablo Cimadevilla – paralympischer Goldmedaillengewinner von Sydney 2000, heute international gefeierter Goldschmied und Social-Media-Phänomen mit Millionenpublikum. Er zeigte seine Medaille – und sprach nicht über Preis oder Prestige, sondern über Authentizität.
In einer Zeit globaler Unsicherheiten, so seine Botschaft, suchen Menschen weniger nach Perfektion als nach Wahrheit. Luxus müsse wieder glaubwürdig sein. Dieser Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch die Messe.

Handwerk als Grundlage – nicht als Differenzierung
Am Nachmittag in der Trendfactory wurde diese Entwicklung analytisch vertieft. Matthias Heimberg, CEO von MHE Growth Consulting, sprach nicht auf der Pressekonferenz, sondern in seinem Fachvortrag über die strategische Rolle von Handwerk in der Markenführung.
Seine zentrale These: Hochwertige Verarbeitung ist heute Voraussetzung – aber kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Qualität ist Eintrittskarte, nicht Differenzierung.
Entscheidend sei vielmehr, wie Marken Bedeutung erzeugen. Design, emotionale Aufladung, Servicekultur und langfristiges Vertrauen prägen die Begehrlichkeit stärker als technische Argumente. Besonders eindrücklich war sein Hinweis, dass sich Kundenerlebnisse vom bloßen „Sehen“ hin zum „Fühlen“ verschieben. Luxus soll nicht mehr nur sichtbar sein – er soll Resonanz erzeugen.
Zwei Generationen, zwei Erwartungshaltungen
Heimberg differenzierte dabei deutlich zwischen den Käufergenerationen.
Frauen 40+ – eine für München besonders relevante Zielgruppe – suchen keine lauten Inszenierungen. Sie bevorzugen zeitlose Gestaltung, ruhige Eleganz und Stücke, die sich selbstverständlich in ihr bestehendes Leben integrieren. Es geht um subtile Statussignale, um Souveränität statt um Sichtbarkeit.
Die jüngeren Generationen hingegen fordern Transparenz und Haltung. Nachhaltigkeit, Diversität, klare Werteorientierung – diese Aspekte fließen zunehmend in Kaufentscheidungen ein. Handwerk allein genügt nicht. Marken müssen erklären können, wofür sie stehen.
Design als Atmosphäre: ClassiCon auf der Messe
Diese Haltung spiegelte sich auch im räumlichen Erscheinungsbild wider. Immer wieder tauchten Möbelstücke von ClassiCon auf – dem Münchner Unternehmen, das seit Jahrzehnten zeitgenössische Interior-Kultur prägt.
Ob die Designs von Eileen Gray oder die Bell Couchtische von Sebastian Herkner zeigten die klaren Linien und die Balance aus Funktionalität und formaler Zurückhaltung, bildeten eine stille Bühne für die Branchentalks. Sie wirkten wie ein visuelles Statement: Zeitlosigkeit entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Haltung. Es war wie ein atmosphärischer Kommentar zum Messe-Motto. Handwerk, ja – aber in einem Kontext, der Designgeschichte und Gegenwart verbindet.
Geschichte als Wert
Dass Luxus ohne Geschichte an Strahlkraft verliert, zeigte auch der Blick in die Vergangenheit. Ernst Färber aus München verfügt über eine der bedeutendsten Sammlungen historischer Schmuckstücke – Exponate, die einen Zeitraum von rund tausend Jahren umspannen. Sie erinnern daran, dass Schmuck immer mehr war als Dekoration: Er war Statussymbol, Erinnerungsstück, kulturelles Dokument. Im THE ATELIER werden sechs zeitgenössische Kreationen gezeigt, die handwerkliche Virtuosität mit moderner Formensprache verbinden.

München als Resonanzraum
Die INHORGENTA 2026 zeigt weniger eine Branche im Umbruch als eine Gesellschaft in Neuorientierung. Luxus verschiebt sich von äußerer Demonstration hin zu innerer Bedeutung. Von Status zu Substanz. Von Sichtbarkeit zu Glaubwürdigkeit.
Handwerk bleibt die Basis. Doch erst im Zusammenspiel mit Haltung, Geschichte und emotionaler Relevanz entsteht jene Form von Luxus, die auch in Zukunft Bestand haben dürfte.


