Wenn beim traditionellen Platzkonzert vor der Bavaria (27.9. 2026, 11 Uhr) rund 300 Wiesn-Musiker gemeinsam aufspielen, kommt 2026 erstmals besondere stimmliche Verstärkung dazu: der Tölzer Knabenchor. Ein Ensemble, das auf internationalen Konzert- und Opernbühnen zu Hause ist – und zugleich zu einer Kulturform gehört, die offiziell als Immaterielles Kulturerbe Bayerns anerkannt ist. Doch wer auf dem Oktoberfest genauer hinschaut, begegnet noch mehr davon: beim Schichtl, beim Landesschießen und sogar im Marionettentheater auf der Oidn Wiesn. Eine etwas andere Spurensuche über die Theresienwiese.
Premiere vor der Bavaria: Der Tölzer Knabenchor kommt auf die Wiesn

Am Sonntag, 27. September 2026, wird es vor der Bavaria besonders voll – und besonders laut. Ab 11 Uhr kommen beim traditionellen Platzkonzert die Kapellen der großen Wiesn-Festzelte zusammen. Rund 300 Musiker spielen gemeinsam bayerische und alpenländische Märsche und Lieder. Das Platzkonzert gehört seit 1985 zum Oktoberfest-Programm.
2026 gibt es eine Premiere: Zum ersten Mal steht der Tölzer Knabenchor mit auf der Bühne. Der Chor feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen und wird gemeinsam mit den Oktoberfestkapellen auftreten. Zum Finale treffen Gesang und Blasmusik bei der Bayernhymne aufeinander.
Dabei ist die Verbindung zur bayerischen Tradition enger, als man bei einem international auftretenden Chor vielleicht vermuten würde.
„Es ist uns eine große Ehre und Freude, mit dabei sein zu dürfen, zumal wir aus Tradition auch in der echten Volksmusik sehr verwurzelt sind“, sagt Barbara Schmidt-Gaden, Geschäftsführerin des Tölzer Knabenchors, gegenüber Exklusiv München. Besonders reizvoll sei außerdem der Open-Air-Charakter und das große Publikum.
Der Tölzer Knabenchor gehört gemeinsam mit den Regensburger Domspatzen, den Augsburger Domsingknaben und dem Windsbacher Knabenchor zu den „vier Knabenchören Bayerns“, die 2024 als Kulturform in das Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurden. Zum Repertoire dieser Tradition gehören übrigens nicht nur geistliche Werke und Oper, sondern ausdrücklich auch Volkslieder.
Doch der Knabenchor ist längst nicht das einzige Immaterielle Kulturerbe, dem man auf der Wiesn begegnen kann.
Ganz neu als Immaterielles Kulturerbe Bayerns: der Schichtl
„Auf geht’s beim Schichtl!“ Den Satz kennen Generationen von Wiesnbesuchern. Dass hinter dem Spektakel inzwischen auch offiziell anerkanntes Immaterielles Kulturerbe steckt, dürften dagegen deutlich weniger wissen.
Das Varieté-Theater „Auf geht’s beim Schichtl“ gehört seit 1869 zum Münchner Oktoberfest und wurde 2026 in das Bayerische Landesverzeichnis aufgenommen.
Und dabei geht es nicht einfach um das historische Gebäude oder eine alte Wiesn-Attraktion. Immateriell ist gerade das, was Menschen immer wieder neu aufführen und weitergeben: die Parade vor dem Theater, die humorvolle Ansprache des Prinzipals, die Parade vor dem Theater, die humorvolle Ansprache des Prinzipals, Clownerie, Musik und Tanz – und natürlich – die legendäre Schein-Enthauptung mit der Guillotine.
Damit ist ausgerechnet eines der skurrilsten Spektakel der Wiesn auch eines ihrer jüngsten offiziell anerkannten Kulturerbe-Beispiele.

Seit dem 19. Jahrhundert wird auf der Wiesn geschossen
Noch unmittelbarer ist die Verbindung beim Oktoberfest-Landesschießen und Oktoberfest-Armbrust-Landesschießen. Beide wurden 2022 gemeinsam als Kulturform in das Landesverzeichnis aufgenommen.
Die Tradition reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Beim Landesschießen wird heute mit Luftdruckwaffen geschossen, parallel findet die Meisterschaft der Armbrustschützen statt. Die Schützen nehmen in ihren Vereinstrachten zudem am Trachten- und Schützenzug teil.
Und selbst wer mit dem Schießen nichts zu tun hat, kennt möglicherweise einen anderen Teil dieser Tradition: das Abböllern zum Ende des Oktoberfests. Der Ehrensalut der Münchner Böllerschützen findet auf den Stufen unterhalb der Bavaria statt.
Das ist genau das Spannende an der Spurensuche: Vieles, was wir einfach als „typisch Wiesn“ wahrnehmen, hat eine wesentlich längere Geschichte.
Auf der Oidn Wiesn hängt das Kulturerbe an Fäden
Ein besonders charmanter Fund wartet auf der Oidn Wiesn. Dort hat das Münchner Marionettentheater seit 2010 eine eigene Außenstelle. Das Theater selbst blickt auf mehr als 160 Jahre Geschichte zurück und war das erste feste Puppentheater Deutschlands. Seit 2022 gehört auch diese Kulturform zum Immateriellen Kulturerbe Bayerns.
Berühmt wurde das Theater unter anderem durch den Kasperl Larifari und die eigens dafür geschriebenen Stücke von Franz Graf von Pocci. Bis zum Jahr 2000 wurde ausschließlich mit Marionetten gespielt; inzwischen gehören auch andere Formen des Figurentheaters zum Repertoire.
Während draußen Fahrgeschäfte kreisen, Bier ausgeschenkt wird und Blaskapellen spielen, wird auf der Oidn Wiesn damit noch eine ganz andere Münchner Tradition weitergegeben – buchstäblich an Fäden.
Was bedeutet „Immaterielles Kulturerbe“ eigentlich?
Genau hier liegt ein häufiges Missverständnis. Immaterielles Kulturerbe bedeutet nicht, dass ein altes Gebäude, ein historisches Fahrgeschäft oder ein wertvoller Gegenstand unter Denkmalschutz gestellt wird.
Im Mittelpunkt stehen lebendige Kulturformen: Wissen, Können, Bräuche und Ausdrucksformen, die von Menschen praktiziert und an nachfolgende Generationen weitergegeben werden.
Deshalb können ein Knabenchor, eine Theatertradition oder ein Schützenbrauch in einem Kulturerbe-Verzeichnis stehen.
Und deshalb passt der Begriff vielleicht besser zur Wiesn, als man zunächst denkt: Tradition bedeutet hier eben nicht, dass sich nichts verändern darf. Sie funktioniert nur, solange Menschen sie weiterführen.

Und wie klingt Kulturerbe mit 300 Wiesn-Musikern?
Am 27. September ab 11 Uhr vor der BAVARIA lässt sich zumindest ein Teil davon hören.
Dann trifft der erstmals beim Platzkonzert auftretende Tölzer Knabenchor auf rund 300 Musiker der Wiesnkapellen. Zum traditionellen Finale steht die Bayernhymne auf dem Programm.
Wie das klingen wird? Barbara Schmidt-Gaden braucht dafür keine musikwissenschaftliche Erklärung: „Auf gut bairisch: saugut.“ Und fügt hinzu: „Es wird ein großer emotionaler Moment!“
Vielleicht ist das am Ende die schönste Erklärung dafür, was Immaterielles Kulturerbe sein kann: nicht etwas, das man ins Museum stellt – sondern etwas, das man hören, erleben und gemeinsam weiterführen kann.


