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Warhol, Haring, Lichtenstein: Was man bei Schellmann Art erst auf den zweiten Blick entdeckt

83 Werke von 47 Künstlern versammelt „The Spirit of Pop Art“ derzeit in einem Schwabinger Hinterhof. Doch zwischen Warhol, Haring und Lichtenstein sind es manchmal die weniger offensichtlichen Arbeiten, welche die besten Geschichten erzählen. Zur Eröffnung von „The Spirit of Pop Art“ wurde es im Schwabinger Hinterhof von Schellmann Art voll. Wir haben den Abend genutzt, um mit Pauline und Basile Schellmann und ihrem Vater Jörg genauer hinzuschauen: auf persönliche Favoriten, überraschende Preise und Geschichten, die auf keinem Ausstellungsschild stehen.

Pop Art München
Pop Art im Schwabinger Hinterhof: Hier eröffnete Schellmann Art am 15. September 2026 die Ausstellung „The Spirit of Pop Art“. Foto: ABR-Pictures/Frank Rollitz

„In einem Hinterhof in München soll ich einen echten Warhol, einen Christo oder einen Keith Haring kaufen können?“ Schauspielerin Brigitte Hobmeier bringt ziemlich gut auf den Punkt, was viele beim ersten Besuch von Schellmann Art überraschen dürfte. Zur Eröffnung von „The Spirit of Pop Art“ kam sie gemeinsam mit zahlreichen Gästen in die Ainmillerstraße nach Schwabing. Doch nachdem der erste Blick auf die großen Namen getan ist, wird es eigentlich erst interessant. Denn welche Arbeiten wählen diejenigen aus, die mit dieser Kunst aufgewachsen sind?

Galerie Schellmann
Pop Art in Schwabing: Basile und Pauline Schellmann mit Schauspielerin Brigitte Hobmeier und Galeriegründer Jörg Schellmann (v. l.) bei der Eröffnung von „The Spirit of Pop Art“. Foto: ABR-Pictures/Frank Rollitz

Pauline Schellmann entscheidet sich für einen alten Fernseher

Nicht Warhol. Nicht Haring. Pauline Schellmann bleibt bei Nam June Paik stehen.

Ihr Lieblingswerk der Ausstellung heißt „Born Again“ und entstand 1991. Auf den ersten Blick erinnert die Arbeit an einen alten Fernseher der Marke Kuba. Tatsächlich handelt es sich um eine patinierte Bronzeskulptur mit drei kleinen TV-Monitoren, die zwei Augen und einen Mund bilden.

Das Modell hat Geschichte: Paik, einer der Wegbereiter der Videokunst, hatte einen Kuba-Fernseher bereits 1963 bei einem Fluxus-Happening in der Galerie Parnass in Wuppertal verwendet. Jahrzehnte später ließ er das Gerät in Bronze wiederauferstehen – daher der Titel „Born Again“.

Pauline Schellmann (l.) mit Galeristin Sarah Kronsbein vor ihrem Lieblingswerk der Ausstellung: Nam June Paiks „Born Again“ von 1991. Die patinierte Bronzeskulptur nach einem Kuba-Fernsehgerät ist mit drei Monitoren ausgestattet und kostet bei Schellmann Art 35.000 Euro. Foto: ABR-Pictures/Frank Rollitz

Für Jörg Schellmann ist das gleichzeitig ein schönes Beispiel dafür, was den Geist der Pop Art ausmacht. „Alltagsobjekte waren das Hauptinteressegebiet der Pop Art“, erklärt er beim Rundgang. Ein gewöhnliches Fernsehgerät wird zum Kunstobjekt, das Gesicht darin zur frechen Pop-Geste. „Born Again“ erschien in einer Edition von 24 Exemplaren.

Basiles Favorit markiert einen Wendepunkt bei Lichtenstein

Ihr Bruder Basile Schellmann wählt ein Werk, das sehr viel unmittelbarer nach klassischer Pop Art aussieht: Roy Lichtensteins „Girl & Spray Can“ von 1964.

Blondine, Spraydose, kräftige Konturen und jene Punkte, die heute fast synonym für Lichtenstein stehen. Genau das macht die beiden Farblithografien für Basile interessant.

Laut Schellmann Art handelt es sich um Lichtensteins erste Druckgrafiken in seiner neuen Pop-Art-Bildsprache. Hier tauchen bereits die charakteristischen Ben-Day-Dots auf, die später zu seinem Markenzeichen wurden.

Geschaffen wurden „Girl“ und „Spray Can“ für „1¢ Life“, das von Walasse Ting konzipierte Künstlerportfolio, an dem unter anderem auch Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Jasper Johns und Tom Wesselmann beteiligt waren. Das bei Schellmann Art angebotene Exemplar stammt aus der signierten Deluxe-Edition von 100 Exemplaren. Preis: 25.000 Euro.

Noch interessanter ist ein Detail, das Basile im Gespräch erzählt: Roy Lichtenstein gehörte nicht zu den Künstlern, mit denen sein Vater direkt zusammenarbeitete. „Insofern ist das auch für uns etwas Neueres im Portfolio.“

Mehr zum Werk und zur Edition findet sich im digitalen Ausstellungs-Guide von Schellmann Art. Roy Lichtenstein im digitalen Guide

Ein kleiner Satz, der viel über den Generationenwechsel erzählt. Pauline und Basile Schellmann verwalten nicht einfach das, was ihr Vater aufgebaut hat. Sie setzen eigene Akzente.

Haring, Warhol und Christo: Im Vordergrund Keith Harings „Pyramid Sculpture“ von 1989, im Hintergrund Andy Warhols „Flowers“ und Christos „Show Window“ von 2013. Harings Aluminiumskulptur gehört zu einer Edition von nur 15 Exemplaren.

Ein Keith Haring – ‚Price on request‘

Und dann steht da diese Pyramide. Bei Keith Harings „Pyramid Sculpture“ von 1989 sucht man einen Preis vergeblich. Auf dem Schild steht lediglich: „Price on request“.

Also haben wir gefragt. Pauline und Basile Schellmann nennen im Gespräch eine Größenordnung von rund 200.000 Euro.

Die dreidimensionale Skulptur besteht aus eloxiertem Aluminium, misst 144 × 144 × 75 Zentimeter und wurde in einer Edition von lediglich 15 Exemplaren realisiert. Harings unverwechselbare Figuren ziehen sich über die vier Seiten der Pyramide.

Damit liegt die Arbeit deutlich über der ansonsten genannten Preisspanne der Ausstellung. Kleinere Editionen beginnen bei etwa 900 Euro, regulär ausgezeichnete Arbeiten reichen bis rund 55.000 Euro.

Haring ist für Schellmann allerdings nicht einfach ein berühmter Name, der für die Ausstellung hinzugekauft wurde. Edition Schellmann arbeitete selbst mit Keith Haring und realisierte mit ihm Editionen. Und genau hier beginnt die zweite Ebene dieser Ausstellung.

Wenn der Vater die Künstler noch persönlich kannte

Jörg Schellmann gründete sein Unternehmen 1969 und arbeitete im Laufe der Jahrzehnte mit Künstlern wie Andy Warhol, Christo und Keith Haring. Seine Kinder wuchsen in dieser Welt auf, begleiteten ihn auf Kunstmessen und Reisen und besuchten mit ihm Künstler wie Christo und Jeff Koons.

Dass Christo in der Familiengeschichte noch eine ganz andere Rolle spielt, erzählen Pauline und Basile eher nebenbei.

Über Christo lernten sich ihre Eltern kennen. Ihre Mutter arbeitete damals im Team des Künstlers.

Es ist eine dieser Geschichten, die in keinem Werkverzeichnis und auf keinem Preisschild steht. Und sie erklärt nebenbei, warum Kunst bei den Schellmanns nie nur Geschäft oder Sammlung war. Übrigens: Fünf Kunstwerke von Christo befinden sich in der Ausstellung.

Gute Pop Art zu finden, ist schwieriger als gedacht

Beim Rundgang erzählt Jörg Schellmann noch etwas, das gerade für Sammler interessant ist. Vor rund drei Jahren begann er, gezielt für diese Ausstellungen Pop-Art-Arbeiten zusammenzutragen. Dabei stellte er fest, dass wirklich gute Werke zu vernünftigen Preisen erstaunlich schwierig zu bekommen sein können. Denn ein berühmter Name allein genügt nicht.

„Der Zustand ist natürlich auch immer wichtig. Ganz wichtig. Die sind ja 40, 50 Jahre alt.“

Bei genauerer Nachfrage beim Händler könne sich durchaus herausstellen, dass eine zunächst interessante Arbeit nicht mehr in entsprechendem Zustand sei.

Schellmann hat dabei einen Vorteil: Zahlreiche Arbeiten der aktuellen Ausstellung stammen aus dem eigenen Bestand. Von Editionen, die das Haus mit Künstlern realisierte, behielt er über die Jahre immer wieder einzelne Exemplare zurück.

Gleichzeitig beobachtet er ein wieder wachsendes Interesse an der Kunstrichtung. „Ich finde, dass die Pop Art vernachlässigt ist“, sagt Schellmann. Inzwischen werde wieder häufiger darüber gesprochen, auch Galerien und Museen griffen das Thema erneut auf.

Warum hier nicht alles Pop Art ist

Damit erklärt sich auch der Titel der Ausstellung. Sie heißt bewusst „The Spirit of Pop Art“ und nicht einfach „Pop Art“. Jörg Schellmann erkennt diesen Geist auch bei Künstlern, die kunsthistorisch nicht zur klassischen Pop Art gehören. Er nennt beim Rundgang beispielsweise Sarah Morris oder eine Edition von Gerhard Richter.

Über Richter sagt er treffend: „Im Pop-Spirit, aber natürlich keine Pop-Art.“

Es geht also nicht darum, möglichst viele Künstler in eine kunsthistorische Schublade zu stecken. Es geht um Mechanismen, die weiterwirken: Alltagskultur, Medienbilder, Farbe, Wiederholung, Konsum, Graffiti und die Verwandlung vertrauter Gegenstände.

Kunst von Gerhard Merz
Kunst, die man leicht übersieht: Über den Werken der Ausstellung schwebt Gerhard Merz’ Lichtinstallation „Light“ von 2008. Der in Mammendorf bei München geborene Künstler arbeitet an der Schnittstelle von Raum, Architektur, Farbe und Licht.

Bei Gerhard Merz hängt die Kunst an der Decke

Und manchmal übersieht man sie sogar. Wer ausschließlich nach Warhol, Haring oder Lichtenstein an den Wänden sucht, sollte bei Schellmann Art irgendwann nach oben schauen.

Dort hängt „Light“ von Gerhard Merz aus dem Jahr 2008. Die kreisförmige Installation besteht aus dimmbaren Leuchtstoffleuchten und wird in ihrer Dimension an den jeweiligen Raum angepasst. Auch sie ist eine Edition – Auflage: 15 Exemplare.

Der 1947 in Mammendorf bei München geborene Künstler beschäftigt sich mit Architektur, Raum, Farbe und Licht. Schellmann hat auch mit Merz Editionen realisiert.

Es ist eine kleine Entdeckung innerhalb der Ausstellung – und vielleicht das beste Argument dafür, sich von den ganz großen Namen nicht zu sehr ablenken zu lassen.

Was bleibt vom Spirit of Pop Art?

Marianne Wille aus der Dallmayr-Inhaberfamilie und selbst Kunstsammlerin beschreibt Pop Art an diesem Abend als „laut, klar, plakativ und trotzdem sehr intelligent“. Vieles von dem, was heute selbstverständlich erscheine, habe sie bereits vorweggenommen.

Vielleicht ist genau das die Stärke dieser Ausstellung. Man kommt wegen der großen Namen – Warhol, Haring, Lichtenstein, Christo – und beginnt beim Rundgang plötzlich über ganz andere Dinge zu sprechen: über einen Fernseher von Nam June Paik, den Zustand 50 Jahre alter Kunst, neue Positionen einer zweiten Galeriegeneration oder eine Lichtinstallation, die man beinahe übersehen hätte.

83 Werke von 47 Künstlern sind in „The Spirit of Pop Art“ versammelt. Und am Ende ist es weniger die Zahl der großen Namen, die hängen bleibt, als die Geschichten, die sich dahinter auftun.

The Spirit of Pop Art – Schellmann Art München
Ainmillerstraße 25, Rückgebäude, 80801 München-Schwabing
Ausstellung bis Januar 2027

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