Jörg Schellmann arbeitete mit einigen der größten Namen der Pop Art. Heute führt die nächste Generation die Geschichte in München weiter. In Schwabing zeigt Schellmann Art mit „The Spirit of Pop Art“, warum Warhol & Co. erstaunlich gut ins Instagram-Zeitalter passen.
New York in den 1980er-Jahren. Nach Galerie-Openings trifft sich die internationale Kunstszene im legendären Palladium. Andy Warhol ist da, Keith Haring, Jean-Michel Basquiat. Mittendrin: Jörg Schellmann, Galerist und Verleger aus München.

Mehr als vier Jahrzehnte später ist diese Geschichte noch immer Teil von Schellmann Art. Inzwischen führt die nächste Generation die Galerie weiter. Basile und Pauline Schellmann sind mit einer Kunstwelt aufgewachsen, zu der Besuche bei der Art Basel ebenso gehörten wie Reisen nach New York und Begegnungen mit Künstlern wie Christo oder Jeff Koons.
Die aktuelle Ausstellung „The Spirit of Pop Art“ schlägt genau diese Brücke. Arbeiten großer Namen treffen auf jüngere und zeitgenössische Positionen. Dabei geht es weniger um einen nostalgischen Rückblick auf die 1960er-Jahre als um eine überraschend aktuelle Frage: Was ist vom Geist der Pop Art im digitalen Zeitalter geblieben?
Als Warhol und Haring in New York feierten
Dass die Verbindung zur Pop Art bei Schellmann weit über den Handel mit Kunst hinausgeht, zeigt eine Erinnerung von Jörg Schellmann an das New York der 1980er-Jahre.
Sie haben mit Künstlern wie Andy Warhol und Keith Haring direkt zusammengearbeitet. Welche persönlichen Erinnerungen aus dieser Zeit haben Sie besonders geprägt?
Jörg Schellmann:
„In den 1980er Jahren gab es eine neue, von dem japanischen Architekten Arata Isozaki entworfene Diskothek, das Palladium, die das Coolste war, was New York zu dieser Zeit zu bieten hatte. In den Räumen gab es riesige Wandbilder und Installationen von David Salle, Francesco Clemente, Jean-Michel Basquiat und Keith Haring – nicht zufällig alles Künstler, mit denen ich gearbeitet habe.
Die Galerien luden nach ihren Openings häufig exklusiv ins Palladium ein, wo man an einem Abend von Andy Warhol bis Keith Haring auf alle traf, die in der New Yorker Kunstszene Bedeutung hatten.“
Heute liest sich die Gästeliste eines solchen Abends beinahe wie ein Who’s who der Kunstgeschichte. Für die nächste Schellmann-Generation waren viele dieser Namen dagegen Teil der eigenen Kindheit. Basile Schellmann erinnert sich daran, den Vater schon früh zur Art Basel und nach New York begleitet und Künstler wie Christo oder Jeff Koons in ihren Studios besucht zu haben.
Heute geht es für die Geschwister darum, dieses Erbe weiterzuführen – und gleichzeitig Menschen zu erreichen, die möglicherweise noch nie eine Galerie betreten haben.
Was Pop Art mit Instagram und TikTok zu tun hat
Genau an diesem Punkt wird die Ausstellung überraschend gegenwärtig. Denn viele Mechanismen, mit denen sich Pop Art beschäftigte, sind keineswegs verschwunden. Konsum, Marken, Werbung, Massenmedien und die permanente Wiederholung von Bildern bestimmen unsere visuelle Welt heute womöglich stärker denn je.
Pop Art entstand in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Konsumbooms. Welche Relevanz hat der „Spirit of Pop Art“ in der heutigen digitalen Welt?
Pauline Schellmann:
„Pop Art war vermutlich eine der letzten großen Kunstströmungen, deren Bildsprache weit über die Kunstwelt hinaus in die Gesellschaft hineingewirkt hat. Werbung, Mode, Musik, Design und unsere gesamte visuelle Kultur wurden davon beeinflusst.
Gerade in den letzten Jahren erscheinen uns diese Themen wieder besonders aktuell. Pop Art beschäftigte sich mit Konsum, Werbung, Marken, Massenmedien, Wiederholung und der Produktion von Ikonen. Heute begegnen uns dieselben Mechanismen in noch extremerer Form auf Instagram, TikTok und in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. Bilder werden permanent produziert, vervielfältigt, verändert und konsumiert.
Deshalb verstehen wir ,The Spirit of Pop Art‘ auch nicht als nostalgischen Rückblick auf die 1960er Jahre. Uns interessiert vielmehr, wie erstaunlich gegenwärtig viele dieser Ideen heute noch sind.“
Wenn Andy Warhol auf Damien Hirst trifft
Diese Verbindung verschiedener Generationen zeigt sich auch unmittelbar in der Ausstellung. Ein Beispiel ist die Gegenüberstellung von Andy Warhols „Flowers“ und Damien Hirsts „Fruitful“.
Beide Arbeiten greifen ein ähnliches Motiv auf und arbeiten mit intensiver Farbe, Wiederholung und einer unmittelbar zugänglichen Bildsprache – obwohl sie aus unterschiedlichen Künstlergenerationen stammen.
Genau solche Dialoge sollen zeigen, wie sich der Einfluss der Pop Art über Jahrzehnte verändert und weiterentwickelt hat.
Das Material dafür ist vorhanden: Der Bestand von Schellmann umfasst annähernd 1.000 Editionen von Ende der 1960er-Jahre bis heute. Für „The Spirit of Pop Art“ wurden deshalb nicht nur die Namen ausgewählt, die ohnehin unmittelbar mit Pop Art verbunden werden. Auch frühere und weniger präsente Positionen sollen zeigen, wie breit der Einfluss dieser Bildsprache tatsächlich ist.
Und dann ist da noch der Ort der Galerie.
Warum Pop Art nach Schwabing passt
Schwabing hat sich seit seiner großen Zeit als Münchner Künstler- und Bohèmeviertel erheblich verändert. Trotzdem sieht die Familie Schellmann gerade darin einen passenden Standort für ihre Galerie.
Warum passt gerade Schwabing zum Geist der Pop Art?
Basile Schellmann:
„Schwabing hat eine lange Geschichte als Künstler- und Kulturviertel und war immer ein Ort, an dem unterschiedliche kreative Disziplinen aufeinandergetroffen sind. Genau diese Offenheit passt für uns sehr gut zur Pop Art, die ebenfalls die Grenzen zwischen sogenannter Hochkultur und Alltagskultur bewusst infrage gestellt hat.
Heute hat sich Schwabing natürlich verändert, aber gerade die Mischung aus kultureller Tradition, urbanem Leben, Gastronomie, Design und einem sehr unterschiedlichen Publikum finden wir für unsere Galerie spannend. Wir befinden uns hier nicht in einem abgeschlossenen Kunstbezirk.
Menschen kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen ins Viertel und begegnen dabei vielleicht auch unerwartet der Kunst.“
Vielleicht steckt darin auch die Verbindung zwischen dem New Yorker Palladium der 1980er-Jahre und einer Galerie im heutigen Schwabing: Kunst funktioniert nicht nur innerhalb der Kunstwelt.
Oder, um es mit Andy Warhol zu sagen: „Pop Art is for everyone.“
Interview: Andrea Vodermayr | Redaktion: Exklusiv München
Schellmann Art München
Adresse: Ainmillerstraße 25, Rückgebäude, 80801 München
Öffnungszeiten: Dienstag–Freitag, 10–18 Uhr
Telefon: +49 89 38666080
Ausstellung: The Spirit of Pop Art von Schellmann Art
Eröffnung: 15. September 2026


