Dienstag , August 14 2018
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Circus Roncalli oder Cirque Eloize – Wohin geht die Zirkus-Reise?

MEISER’S MORE – Kolumne von Dr. Hans Christian Meiser

Dr. Hans Christian Meiser
Dr. Hans Christian Meiser, Kolumnist bei Exklusiv München, ist Philosoph, Psychologe, Publizist und Programmdirektor von Radio 39. Denken und Sport sind seine Leidenschaft.

Als der Circus Roncalli 1976 in München gastierte, hatte kurz zuvor in Bonn sein Dasein auf dieser Welt begonnen. Bernhard Paul und André Heller waren seine Eltern, freilich nicht für lange. Sie gingen bald im Streit auseinander, Heller wandte sich seinem poetischen Gesamtkunstwerk zu, Paul blieb dem Zirkus treu.

Ich hatte damals das Glück, bei der Premiere anwesend zu sein und erinnere mich an einen Abend voller Phantasie, Grazie, Magie und Nostalgie. Die Zirkuswagen aus den 20er Jahren, die bunten Kostüme, die herrlichen Spaßmacher, die das Publikum schon vor Beginn der Vorstellung in eine andere Welt entführten – all das verzauberte mich und die anderen Zuschauer auch. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Und auch der Name war Programm: ‚Die größte Poesie des Universums‘. Endlich gab es eine Alternative zum Zirkus Krone, und eine weitaus schöpferische noch dazu. Offenbar war die Kombination Bernhard Paul – André Heller so gelungen wie die von John Lennon und Paul McCartney – Kreativität at it’s best.

Das Publikum dankt es bis heute. So auch am 21.Oktober, als ich den Circus Roncalli zum ersten Mal nach dessen Premiere wieder besuchte. ’40 Jahre Reise zum Regenbogen‘ lautete das Programm. Das Zelt am Leonrodplatz war bis auf den letzten Platz gefüllt und auch kurz hinter dem Einlass herrschte jene ausgelassen-phantasievolle Atmosphäre wie einst. Aber dass es nicht viel mehr als Cola, Wasser und Bier zu trinken gab, dazu Brezen, Wiener und ein paar Süßigkeiten (alles zu völlig irrealen Preisen) – erschien mir weniger poetisch, zumal man ja vom Tollwood Festival gewohnt ist, dass es auch anders geht. Die Vorstellung selbst begeisterte mich nicht wirklich – ich vermisste den roten Faden, die Erzählung, wie ich es z.B. von den grandiosen Aufführungen im Varieté-Theater GOP gewohnt war.

Tiere gehören nicht in den Zirkus‘

Außerdem fand ich die Tiernummern mit Ponys und Pferden fehl am Platz. Solches macht man heute nicht mehr. Tiere gehören nicht in den Zirkus, das sollte sich eigentlich herumgesprochen haben. Natürlich gab es viele artistische Highlights, magische Momente und poetische Verführungen, aber warum wurden diese scheinbar ohne jeder Dramaturgie eben als Zirkusnummern sinnlos aneinandergereiht? Wie schön wäre es gewesen, dem Motto ‚Die Reise zum Regenbogen‘ gerecht zu werden? Man hätte doch nur ein einziges erzählendes Moment einbauen müssen. Die rund 1.200 Gäste an diesem Abend vermissten all das indes nicht – wie am Applaus zu messen war. Sie amüsierten sich glänzend, erlagen ganz dem Roncallischen Zauber, der sich ja bekanntlich vor allem über Familien mit Kindern legt. Und am Ende sangen wir alle ‚Guten Abend, gute Nacht‘.

EINE ANDERE ZIRKUSWELT

Vier Wochen später war ich am Tollwood Festival auf der Theresienwiese. Im Grand Chapiteau gastierte der von Jeannot Painchoud gegründete Cirque Éloize aus dem kanadischen Montreal, der 18 Jahre nach dem Circus Roncalli ins Leben gerufen worden war und es bis heute auf immerhin 4.000 Vorstellungen in 500 Städten und 50 Ländern gebracht hat. In München war die Truppe bereits zwei Mal zu bestaunen (mit „Cirkopolis“ und „Saloon“). Die Show „iD“ stammt aus dem Jahr 2009, wurde aber immer wieder einem Update unterzogen. Was dabei herauskam, ist wohl das Spektakulärste, was derzeit auf dem Showprogrammgebiet zu bestaunen ist. „iD“ bedeutet Identität, und genau darum geht es in diesem wilden Stück, das vor einer Großstadtkulisse spielt. Dort verliert man eben gerne sein ICH, kann es aber entweder in der Gemeinschaft oder aber auch als Einzelner durch Höchstleistung wiederfinden.

Und so geben die 15 Mitglieder des Ensembles alles, was man auf einer Artistenschule lernen kann: von atemberaubenden Paarnummern bis zu Soloauftritten wird alles in Anspruch genommen, was das zirzensische Repertoire bietet. Dem Zuschauer wird es dabei ganz schwummelig, und die eigens für das Stück komponierte Musik trägt das Ihre dazu bei. Man wird geradezu in die Handlung hineingezogen, vergisst den Stuhl unter dem Allerwertesten und wird Teil jener West Side Story, die sich mit Hip-Hop und Break Dance paart.

Eine Szene aus 'ID' noch bis 22. Dezember 2017 auf dem Tollwood München 2017. Fotocredit: Valerie Remise
Eine Szene aus ‚ID‘ noch bis 22. Dezember 2017 auf dem Tollwood München 2017. Fotocredit: Valerie Remise

Einen Manegen-Zauber gibt es dabei nicht, denn das Ganze wird auf einer Bühne frontal zum Publikum zelebriert, dennoch ist der Abstand zwischen dem Ereignis und dem Rezipienten auf ein Minimum reduziert. Lärm und Stille, Magie und Poesie, Gewalt und Gegengewalt, Buntes und Farbloses mischen sich – wie es eben in der Megalopolis der Fall ist, aber auch die Liebe kommt dabei nicht zu kurz.

Show ‚iD‘ von Cirque Eloize

Am Ende von „iD“ dann der Höhepunkt: Wie in einem Martial-Arts-Film springen die Artisten von den Hochhäusern, um auf unsichtbaren Trampolins zu landen. Von dort aus laufen sie dann wieder die Wände auf die Dächer hoch, mit dem Ziel, sich abermals in die Tiefe zu stürzen. Die Choreographie ist hier perfekt ausgefeilt und präzise, dennoch fürchtet man, dass die Akteure jeden Moment in dem Chaos, das sie selbst verursachen, zusammenstoßen könnten. Wer im Anschluss an die Aufführung keine Lust verspürt, die Schwerkraft zu überwinden und in den heimischen vier Wänden über die Wände und die Decke zu laufen, dem ist vermutlich nicht mehr zu helfen …

Trend und Tradition: Circus Roncalli oder Cirque Eloize

Im Vergleich zum Cirque Éloize wirkt der Circus Roncalli heute wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Aber das ist vielleicht gerade das Schöne. Es muss nicht immer das „Höher – Weiter – Schneller“ sein. Es geht wohl auch „Langsamer – Näher – Nachhaltiger.“ Hier könnte die Chance für den Circus Roncalli liegen: In der Rückbesinnung auf die poetischen Wurzeln. Die Tiere, so ist zu hören, sollen ab 2018 ohnedies nicht mehr vorkommen. Na also: Dann könnten sich ja Trend und Tradition verbinden und gemeinsam etwas Neues bilden, von dem wir alle ergriffen und begeistert sind.

Übrigens: Der Cirque Éloize gastiert noch bis zum 22.12.2017 auf dem Tollwood Winterfestival.

Welche Form des Zirkus bevorzugen Sie? Schreiben Sie uns. Jeder, der mitmacht, erhält – nein, keine Eintrittskarte für die nächste zirzensische Erlebnis -, dafür aber etwas ebenso Unterhaltendes: eine kostenlose dreimonatige Clubmitgliedschaft beim neuen, spannenden Münchner Internetportal RADIO 39 (www.radio39.de), das sich mit Philosophie, Psychologie, Gesundheit, Reise und Lebenskunst beschäftigt.

Senden Sie uns also bitte Ihre Meinung an: meisersmore@exklusiv-muenchen.de

Ihr Dr. Hans Christian Meiser.

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