Donnerstag , April 25 2019
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Der Greta Thunberg Effekt: Warum nur die Jugend die Welt vor dem Klimakollaps retten kann

MEISER’S MORE

Greta Thunberg
Die mutige Schülerin aus Schweden Greta Thunberg hat mit ihren 16 Jahren eine ganz neue Form von Revolution entfacht! Fotocredit: instagram.com/gretathunberg

SCHÜLER ALLER LÄNDER, VEREINIGT EUCH!

„Was nämlich jeder voraussieht, lange genug, dennoch geschieht es am End“ – diese prophetischen Worte beschließen das Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch. Auf unser Thema bezogen bedeutet dies: Seit über 50 Jahren wissen wir, dass die Erderwärmung unser Dasein schneller zum Erlöschen bringen kann als von der Natur vorgesehen; dennoch haben weder wir noch die Politiker das Thema wirklich zur alles überwölbenden Chefsache gemacht.

Eine Konferenz jagte zwar die andere, ein Symposium folgte auf das nächste, Klimaziele wurden vereinbart, Grenzwerte festgelegt – geholfen hat all dies nichts. Als dann noch die USA unter der Führung ihres Präsidenten aus dem Pariser Abkommen ausstiegen und Fake News wie „Am Klimawandel sind nur die Chinesen schuld“ die Runde machten, war es erst einmal vorbei mit des Menschen ureigenster Gabe, der Rationalität.

Was in den 1970er Jahren als Folge und Beimischung der Studentenbewegung, der Friedensbewegung, der Frauenbewegung und der Ökobewegung begann und in Proteste wie „Atomkraft? Nein Danke!“ mündete, ging zehn Jahre später in der Spaßgesellschaft  („Piep, piep, piep, Guildo hat Euch lieb“) vollkommen unter und wurde schließlich ganz aufgegeben.

Themen wie „Waldsterben“, „Ozonloch“, „FCKW freie Sprays“ oder die Abholzung des Regenwaldes standen nicht mehr auf der Tageordnung. AIDS beherrschte die Schlagzeilen, ein paar Jahre später war es der Irakkrieg, dann die Jahrtausendwende, der elfte September, der zweite Irakkrieg, der Islamische Staat, die Migrationsdebatte.

Das Klima? Fehlanzeige. „So schlimm wird es schon nicht kommen!“ „Vom Waldsterben spricht auch keiner mehr.“ „Alles Unsinn, strenge Winter gab es auch in meiner Kindheit schon.“ All das war auf den Straßen und in den Familien zu hören.

#FRIDAYS4FUTURE

Und nun dies. Von heute auf morgen, ohne eine Partei im Rücken, ohne einen Auftrag der UNO, ohne ein Mandat sozusagen haben Schüler weltweit die Freitage zum Protesttag gewählt. Sie gehen nicht zur Schule, sondern auf die Straße. Angefangen hat all dies mit der 16jährigen Schwedin Greta Thunberg, als sie letztes Jahr nach der monatelangen Dürreperiode, die Europa heimgesucht hatte, in den Schulstreik trat.

Der Greta Thunberg Effekt

Es war ihr klar, dass nicht sie, sondern die Erwachsenen an der Katastrophe schuld waren. Und dass es dieselben Erwachsenen sein werden, die verhindern, dass sie und die Jugend der Welt eine gesunde und glückliche Zukunft haben werden. Bald fand sie Gleichgesinnte, aber auch harsche Kritik, im Netz, auf der Straße, in der Schule. Am 15. März 2019 kam es zum vorläufigen Höhepunkt der mittlerweile weltweiten Bewegung #Fridays4Future: In 105 Ländern gingen bei 1.660 Aktionen Hundertausende junge Menschen auf die Straße.

NUR NOCH 100 JAHRE?

In Deutschland hatten zuvor noch Politiker wie der selbstverliebte FDP-Vorsitzende Christian Lindner, selbst den Kinderschuhen kaum entwachsen, die Bewegung kritisiert und verlauten lassen, der Klimaschutz gehöre in die Hände von Profis. Damit meint er sicherlich Zeitgenossen wie ihn selbst, der freilich bislang nicht gerade durch eine klimaschützende Haltung aufgefallen ist. Ebensowenig wie Angela Merkel, die die Bewegung immerhin begrüßte. Vermutlich deshalb, weil auch sie herzlich wenig zum globalen Umweltschutz beigetragen hat, im Gegenteil: Deutschland verfehlt seine selbstgesteckten Ziele jedes Jahr. Die unausgegorene Energiepolitik müssen manche Verbraucher mit ihrer Gesundheit bezahlen.

Kurz vor seinem Tod 2018 sprach der englische Physiker Stephen Hawking davon, dass er der Menschheit, wenn sie so weitermache, nur noch 100 Jahre bis zur Selbstauslöschung gäbe. Und der Club of Rome kämpft schon seit 1968 für eine nachhaltige Zukunft. Alle Ansätze freilich stammten bisher von Erwachsenen und sie haben leider nicht sehr viel gebracht. Denn wie immer, wenn eine Vielfalt von Interessen aufeinanderprallt, fällt eine Einigung schwer.

WIE FINDET ZUKUNFT STATT?

Da haben es die Schüler einfacher. Sie wissen, dass sie die letzte Generation sind, die etwas gegen den Klimawandel tun können. Danach ist das Unheil nicht mehr aufzuhalten. Und sie wissen, was sie wollen: die Erwachsenen dazu bringen, eine vernünftige Klimapolitik zu  machen.

Deshalb streiken sie. Weltweit. Jeden Freitag. Und es schließen sich immer mehr Schüler an, auch Wissenschaftler übrigens, die ihrem Handeln recht geben. Die Politik, die Schulleiter, oftmals auch die Eltern stehen dabei vor einem Problem: Sie wissen nicht, wie sie mit dieser Bewegung, die sie zu überrollen droht, umgehen sollen. So schlagen sie Kompromisse vor: Demonstrieren ja, aber bitte doch am Samstag.

Oder: Alle Themen werden im Unterricht besprochen usw. Den Schüler aber ist klar: Wenn sie nicht am Freitag „schwänzen“, werden sie nicht ernst genommen. Natürlich herrscht in Deutschland Schulpflicht. Aber kann man ALLE Schüler, wenn sie streiken, dann bestrafen? Und wie oder womit? Und weshalb sollte man jemanden bestrafen, der für eine bessere Zukunft kämpft, eine Zukunft, welche die Erwachsenen fast schon ruiniert haben?

#Fridays4Future betrifft alle Menschen, gleich welcher Hautfarbe, Religion und Herkunft. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass eine Revolution von Kindern ausgeht. Deshalb sind die Erwachsenen so unsicher. Bei Studentenprotesten und anderen Demonstration wissen die Mächtigen immer, wie sie reagieren sollen: Mit Gewalt. Aber Gewalt gegen Kinder? Das trauen selbst sie sich nicht.

#TEACHERS FOR PUPILS

Eines aber wundert mich: Weshalb stellen sich die Lehrer und Schulleiter nicht an die Seite der Schüler? Sind diese nicht ihre Schutzbefohlenen? Ich weiß, Staatsbedienstete dürfen nicht streiken. Aber müssen sie deshalb so angepasst und feige sein, es nicht zu tun? Was würde denn geschehen, wenn sie die Kinder unterstützen würden? Würden sie kein Gehalt mehr bekommen? Das fürchten sie vermutlich am meisten. Würden sie aus dem Schuldienst entlassen werden? Ausgeschlossen? Denn irgendjemand muss ja die Kinder unterrichten. Und dazu bedarf es eben ausgebildeter Kräfte. Unter dem Hashtag #Teachers4Pupils könnten sie sich verabreden. Das wäre die nächste Revolution.

UNGEHORSAM ALS PLFICHT

Vor 170 Jahren verfasste der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau eine bemerkenswerte Schrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“, die später als Vorbild für Mahatma Gandhis „Gewaltlosen Widerstand“ diente. Auch die französische Resistance im Zweiten Weltkrieg sah in diesem kleinen Essay eine Rechtfertigung ihres Handelns. „Wenn aber das Gesetz so geartet ist“, schreibt Thoreau, „dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann brich das Gesetz. Mach’ dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten. Auf jeden Fall muss ich zusehen, dass ich mich nicht zu jenem Unrecht hergebe, das ich verdamme.

Und genau das tun eben Politiker, Lehrer und oftmals auch die Eltern der Kinder. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn sie Seite an Seite mit den Schülern an jedem kommenden Freitag mitziehen würden. Noch tun sie es nicht. Aber wenn erst einmal alle Schüler, ohne Ausnahme, sich diesem einmaligen, gewaltigen Protest hingeben, dann wird vermutlich sogar Christian Lindner mit protestieren. Schließlich muss die FDP bei der nächsten Bundestagswahl über die Fünf-Prozent-Hürde kommen, was ohne Solidarität mit den Schülern kaum vorstellbar ist.

Und alle anderen Parteien und Politiker täten gut daran, sich das Umweltthema ebenfalls auf die Fahne zu schreiben. Denn wenn wir den Klimaschutz weiterhin so stiefmütterlich behandeln, wie bisher, in der Hoffnung, es werde schon nicht so schlimm kommen wie prognostiziert, dann wird es bald auch keine Politiker mehr geben, die für ihn kämpfen könnten. Die #Fridays4Future Schüler sind schon jetzt ein Vorbild für die Erwachsenen – auch dies ein Novum in der Geschichte von Homo Sapiens.

Jahrtausendelang waren die Älteren Vorbild für die Jungen, jetzt ist die Zeit gekommen, da sie auf die Stimme der Kinder hören sollten, nicht nur, wenn sie sich ihr Smartphone und ihren Computer von ihnen erklären lassen wollen. Der biblische Satz „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“ bekommt angesichts der streikenden Schüler eine gänzlich neue, ungeahnte Dimension, von der unser aller Überleben abhängig ist. „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt“, lautete einer der Slogans der Studentenrevolution von 1968. Heute müsste der Satz wohl lauten: „Wer sich nicht wehrt, dem ist die Zukunft verwehrt.“ Denn dann tritt das ein, was nämlich jeder voraussieht, und das am Ende dennoch geschieht.

P.S. 2014 wurde der Friedensnobelpreis an die damals 17jährige Malala Yausafzai verliehen, jenes mutige pakistanische Mädchen, das sich dem Unrecht der Taliban widersetzte, die Frauen von jeglicher Bildung ausschließen wollen; Malala trafen daraufhin Schüsse in den Kopf und in den Hals, doch sie überlebte. Für 2019 haben schwedische Politiker Greta Thunberg vorgeschlagen.

Bleiben Sie mutig. Es lohnt sich.

Herzlich,
Ihr
Dr.Hans Christian Meiser.

 

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