Donnerstag , April 18 2019
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Münchner Krankenhaussystem: Der Teufel steckt im Detail am Beispiel einer Birne

Kein Zweifel: Wir haben mit den USA und Taiwan das vermutlich beste Gesundheitssystem der Welt. Ärzte und Krankenhäuser stehen uns rund um die Uhr zur Verfügung, alles ist perfekt organisiert; und wer tatsächlich schneller Hilfe bedarf, wird nicht im Stich gelassen. Für alle und alles ist gesorgt. Und selbst die einst als Quacksalberei verschriehenen homöopathische Behandlungen werden mittlerweile von immer mehr gesetzlichen Kassen ersetzt.

Eine Birne beschwert manchen Patienten Schwierigkeiten beim Essen.
Eine Birne beschwert manchen Patienten Schwierigkeiten beim Essen. Im Krankenhaus könnte dann in der Krankenakte ‚Patient Essen verweigert‘! stehen

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DIE BIRNE IM KRANKENHAUS

Wenn man einen schweren Unfall erleidet, sind die Überlebenschancen im Vergleich zu – sagen wir einmal den 1970er Jahren – erheblich gestiegen. Ärzte, Krankenhäuser, Kassen, Pflegeeinrichtungen arbeiten nahezu perfekt Hand in Hand, und selbst ein Oberschenkelhalsbruch im hohen Alter bedeutet heute nicht mehr die Trias von Bruch, Lungenentzündung und Exitus, sondern man hat durchaus große Chancen, ihn lebend zu überstehen.

EIN OBERSCHENKELHALSBRUCH UND DIE FOLGEN

Kurz vor ihrem 90ten Geburtstag stürzte meine Mutter in ihrem Haus, das sie allein bewohnte. Da sie über einen Hausnotruf verfügte, war sie trotz des Unfalls geistesgegenwärtig genug, den Alarmknopf zu betätigen. Die Johanniter kamen zwar nicht, da das Herbeibringen des bei ihnen eingelagerten Schlüssels zu lange gedauert hätte, dafür wurde aber die Feuerwehr alarmiert, welche die Haustüre öffnete und meine Mutter mit dem Notarzt in ein Krankenhaus brachte. Dort wurde sie nur kurze Zeit später operiert, bzw. es wurde ihr ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt, da man in diesem hohen Alter einen Oberschenkelhalsbruch nicht mehr mit Nägeln oder Gips versorgen kann.

Was folgte war: Intensivstation, stationäre Behandlung, Akutgeriatrie in einem anderen Krankenhaus, Entlassung, nachdem eine 24-Stunden-Pflegekraft aus Polen – sogar über Weihnachten und Neujahr – engagiert worden war. Heute lebt meine Mutter zwar als Pflegefall, aber immerhin im eigenen Haus mit ihrer eigenen Betreuerin. Alles funktionierte vorzüglich, von der Erstversorgung über die Operation bis hin zur Vermittlung der Pflegekraft.

Die deutsche Gründlichkeit und das deutsche Organisationswesen haben also auch durchaus Vorteile, auch wenn viele genau das bezweifeln, solange sie nicht selbst Betroffene sind. Und die Ärzte, Schwestern und Pfleger, die Pflegeberater und Versicherungsmitarbeiter machten einen hervorragenden Job (vielen Dank an dieser Stelle!!!) – so dass ich eigentlich keinerlei Grund hätte, diesen Artikel zu schreiben. Warum ich es dennoch tue? Weil mir eine Kleinigkeit auffiel, über die ich jetzt berichten möchte.

EINE BIRNE ZUM DESSERT

Als ich meine Mutter am zweiten Tag nach der OP auf der Intensivstation besuchte, war die Mittagsessenszeit gerade zu Ende gegangen. Der Nachtisch allerdings stand noch vor ihr auf einem Tablett, das über ihrem Bett aufgebaut war. Auf dem Teller lag eine Birne, daneben ein Messer. Als ich diese Szenerie sah, wunderte ich mich. Meine Mutter hatte Schläuche und Drähte an beiden Händen, lag leicht nach oben gesetzt im Bett und blickte auf das verlockende Obst vor sich. Von Schwestern oder Pflegern keine Spur. Das Essen war von einem auswärtigen Cateringdienst gebracht worden. „Patientin verweigert das Essen“, wurde vermutlich später in der Krankenakte vermerkt.

Ortswechsel: Etwa zur selben Zeit wurde ein Vetter von mir, selbst Arzt, in einer der teuersten Kliniken Münchens an der Schulter operiert. Auch er erhielt nach der OP zum Dessert eine Birne, es war November. Die linke Schulter in dicken Gips gehüllt, die rechte Hand mit Schläuchen versehen, blickte auch er auf die vitaminreiche Frucht, die allerdings aufgrund seines Handicaps für ihn unerreichbar war. Meiner Mutter und ihm erging es wie dem Esel, dem man eine Karotte vor die Schnauze hält, nur weit genug entfernt, dass er ihr nachlaufen muss. Nun konnten freilich beide nicht laufen, aber es war auch niemand da, der auf die Idee gekommen wäre, die Birne zu schälen und den Patienten zu füttern.

Ich frage mich: warum? Weshalb bemerkt niemand vom Krankenhauspersonal, was da vor sich geht? Natürlich haben alle genügend zu tun, ihre Zeit ist knapp bemessen und sie müssen ihre Arbeit tun, so gut es geht, um die Zwänge, mit denen alle zu kämpfen haben, einigermaßen bewältigen. Dennoch könnte ja jemand auf die Idee kommen, sich z.B. an die Klinikleitung bzw. die Klinikverwaltung zu wenden, um genau solche „Kleinigkeiten“ zu melden.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich beschwere mich hier nicht über Ärzte, Schwester und Pfleger, sondern über diejenigen, die den Klinikalltag gar nicht mitbekommen, ihn aber dennoch bestimmen: die Klinikleitung, die Klinikverwaltung. Ihre Aufgabe wäre es, für Verhältnisse zu sorgen, die allen gerecht werden; die durch kluge Arbeitspläne den Stress bei Ärzten, Schwestern und Pflegern so gut es geht reduzieren, und die z.B. auch beim Essen für die Patienten nicht den Profit, den Einsparmaßnahmen bringen, in den Vordergrund stellen, sondern den Gedanken, dass Lebensmittel Mittel zum Leben sind.

Es gibt freilich schon viele (auch schon verwirklichte) Ansätze, die Verhältnisse, für die die Geschichte mit der Birne nur stellvertretend steht, zu verbessern. Das beginnt bei der Namensänderung von „Krankenhaus“ zu „Gesundheitszentrum“ und endet bei dem Gedanken, dass nicht nur Privatkliniken alternative Heilmethoden wie etwa die Traditionelle Chinesischen Medizin (TCM) oder Ayurveda im Portfolio haben sollten. Generell aber gilt: Schon kleine Aufmerksamkeiten, wie z.B. eine geschälte und mundgerecht zubereitete Birne würde den Patienten nicht nur schmecken, sondern ihnen auch das Krankenhausleben erleichtern, weil sie merken, dass sich wirklich jemand um sie sorgt.

AUS DER „PFLEGERIN“ WIRD DIE „PERSÖNLICHE ASSISTENTIN“

Als die Dame aus Polen bei meiner Mutter, die jetzt eine 24-Stunden-Rundumbetreuung benötigt, einzog, kam ich auf die Idee, den Begriff der „Pflegekraft“ aufzuwerten. Abgesehen davon, dass Pfleger heute immer noch unterbezahlt sind, ist ihr Beruf auch gesellschaftlich nicht besonders angesehen. Kleine Nebenbemerkung: Weshalb verdient eine TV-Schauspielerin, die eine Krankenschwester mimt, mindestens das Zehnfache derjenigen, die sich tagtäglich um ihre Patienten bemüht??? Eigentlich müsste es doch umgekehrt sein … Zurück zur „Pflegekraft“. Ich ersetzte diesen Begriff also durch „Persönliche Assistentin“. Man kann es kaum glauben, was dieser kleine verbale Trick bewirkte: Die Pflegerin fühlte sich enorm aufgewertet und meine Mutter war stolz, mit einem Mal eine persönliche Assistentin zu haben.

Fazit 1: Es ist eigentlich ziemlich einfach, Menschen glücklich zu machen, sei es mit einer geschälten Birne oder mit einer verbalen Aufwertung dessen, was im gesellschaftlichen Ansehen eher am unteren Rand zu finden ist, obwohl es doch gerade diese Menschen sind, die für sehr wenig Geld oft sehr viel Menschlichkeit zeigen. Sie sollten denen, die Selbstoptimierung betreiben oder die Interessen von Aktionären über alles stellen, als Vorbild dienen. Bei ihnen  findet wahres Menschsein statt, Tag für Tag.

Fazit 2: Es wird Zeit, dass die Gesellschaft denen, denen sie ihren Wohlstand verdankt, mehr Anerkennung zollt. Weshalb begegnen wir nach wie vor dem Vorstandsvorsitzenden einer Bank, der Milliarden verzockt hat, mit mehr Respekt als z.B. einer Kindergärtnerin? Weshalb finden wir Flugzeugpiloten sexy, aber diejenigen, die unsere Züge durch das Land steuern, kaum erwähnenswert, es sei denn, sie streiken wieder einmal?

Fazit 3: Alle Menschen sind gleich (Grundgesetze Artikel 3),

d.h. sie haben alle die gleichen Rechte, z.B. auf eine mundgerecht zubereitete Birne im Krankenhaus.

Bleiben Sie behütet!

Herzlich,
Ihr
Dr. Hans Christian Meiser.

 

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