Donnerstag , Dezember 9 2021
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So steht’s um die Pflegebranche in Bayern

Die demagogische Verschiebung in der Bevölkerungsstruktur, das Gesundheitsbewusstsein der Menschen, das immer mehr ältere Bürger in ein Pflegesystem entlässt, in dem es kaum interessierte Ausbildungsplatzsuchende und viel zu wenig Fachkräfte gibt, stellen auch Bayern vor ein großes Problem. Die Unterschiede in der Pflegebranche sind regional stark schwankend, doch gerade Ballungsräume müssen zeitnahe Lösungen für das Pflegeproblem finden.

Pflege in bayern
Der demografische Wandel in Richtung 60+ hat längst begonnen. Fotocredit: Photo by JORGE LOPEZ on Unsplash

Bayern steht nicht gut da

Die Zwischenüberschrift zitiert Prof. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln. Hier wurde im Auftrag der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB) eine entsprechende Datenanalyse vorgenommen, die Isfort zu der Kenntnis brachte, dass Bayern nicht gut da steht.

Der Fachkräftemangel ist bereits massiv. Langfristig wird dies dazu führen, dass Pflegeeinrichtungen und Kliniken nicht mehr unter voller Belegung arbeiten können, wenn Bewohner oder Patienten nicht unversorgt bleiben sollen. Auslastungsdefizite bedeuten finanzielle Einbußen, die wiederum zu schlechterer Bezahlung, Ausstattung oder Bauzuständen führen werden.

Die regionalen Unterschiede weisen vor allem darauf hin, dass in ländlicheren Regionen das familiäre Mehrgenerationenwohnen und die Pflege zu Hause priorisiert wird. In Ballungszentren ist das Leben teurer, entsprechend müssen Angehörige selbst um den eigenen Lebensunterhalt kämpfen und können sich für die Pflege von Eltern oder Großeltern nicht selbst kümmern.

München gilt als Problemregion

Isfort hat diverse Daten erhoben und ausgewertet, die den Personalbedarf in der Pflege in Bayern für das Jahr 2020 aufzeigten. Als das Monitoring erfolgte, war die Pandemie noch Zukunft. Das Monitoring für den Personalbedarf in der Pflege hat trotzdem sechs Regionen in Bayern mit einem überdurchschnittlich hohen Personalbedarf aufgezeigt. Inwieweit die Pandemie diese Zahlen noch verschärft hat, ist unklar.

München gilt als Problemregion, weil der zu befürchtende Engpass in der Pflege hier am drastischsten ausgeprägt sein wird. Dies liegt an der demografischen Entwicklung (Wegzug von Jungen, dafür immer älter werdende Bevölkerung in ländlichen Regionen). Aktuell reichen die Pflegekräfte noch aus, doch es gibt zu wenig Ausbildungswillige. Zudem gilt die Pflegebranche aufgrund der unattraktiven Arbeitsbedingungen beim Nachwuchs nicht als Berufsmagnet. Dabei sind die Karrierechancen in der Pflegebranche durchaus gut, selbst wenn Einsteiger mit der Ausbildung zur Pflegefachfrau/ zum Pflegefachmann starten, stehen im Anschluss Spezialisierungskurse oder sogar Studiengänge zur Verfügung, um die Karriere voranzutreiben. Doch dies wird zu wenig publiziert, das Personalrekruting halbherzig betrieben und die Grauzonen der Pflegebranche mit ausländischen Pflegekräften, Niedriglöhnen etc. fördern das Interesse junger Menschen am Pflegeberuf auch nicht gerade.

Die Problemzonen der Berufe in der Pflege

Die Reform der Pflegeberufe, die aktuell die generalistische Pflegeausbildung vorschreibt, wirkt auf den ersten Blick so, als wenn der Zugang für Hauptschüler zu Pflegeberufen erschwert worden ist. Dies ist realistisch zwar nicht der Fall, trotzdem gaukelt diese Reform vor, höheren Qualitätsansprüchen gerecht zu werden, indem gewisse Qualifizierungen vorausgesetzt werden. Dies ist jedoch im Zusammenhang mit dem Personalmangel eher kontraproduktiv, informieren sich doch einige Interessenten gar nicht erst und wandern in andere Branchen ab.

Pflege ist nun einmal ein Geschäft, das rund um die Uhr betrieben werden muss. Trotzdem können auch Arbeitszeitmodelle die eine flexiblere Planung des Alltags ermöglichen oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöhen, den Beruf attraktiver machen.

Entlastung statt Abwälzung von Verantwortung auf wenige Schultern, würde vor allem die Auszubildenden motivieren, die das „große“ Examen gar nicht mehr machen. Im klinischen Alltag sieht es so aus, dass das Mindestmaß an Fachkräften die Verantwortung für die Schichten übernehmen muss. Dafür bekommen sie aber nur unwesentlich mehr Gehalt. Das schnappen Auszubildende natürlich auf. Sätze wie: ‚Hätte ich das gewusst, hätte ich das Examen gar nicht erst gemacht.‘, lassen viele resignieren. Entsprechend verzichten sie auf den Stress im Vorfeld und begnügen sich mit dem Teilabschluss.

Geringe Bezahlung bei Mehraufwand

Dienstpläne, die nicht ernstgenommen werden, sind ebenfalls Alltag in Pflegeeinrichtungen. Rückruf aus dem Frei oder sogar aus dem Urlaub stehen an der Tagesordnung, von den Überstunden ganz zu schweigen. Dies sind bereits die Zeichen dafür, dass ein Engpass besteht, wird jedoch meist auf krankheitsbedingte Ausfälle geschoben. Problem hier ist, dass solche Ausfälle vorhersehbar sind, aber nicht einkalkuliert werden.

Völlig außer Acht gelassen wird, wie sich unregelmäßige Arbeitszeiten und Schichtwechsel auf das Privatleben auswirken. Enttäuschte Kinder, weil die Eltern doch wieder arbeiten müssen, statt den versprochenen Zoobesuch endlich nachzuholen und Partner, die sich mit Haushalt und Kindern alleingelassen führen, schaffen Probleme an einer Front, die Arbeitgeber nicht auf dem Schirm haben. Muss ein Pflegemitarbeiter Tags schlafen, um für die Nachtschicht fit zu werden, ist Rücksicht zu nehmen. Selbst wenn der Beruf Spaß macht, vergeht einem der, wenn zu Hause nur genörgelt und gemeckert wird.

Kleine Veränderungen wirken zu wenig

In den letzten Jahrzehnten wurden eher kleine Reförmchen vorgenommen, statt grundlegende Veränderungen anzugehen, die wirklich Ergebnisse bringen würden. Hier sind Politik und Pflege auch von wirtschaftlichen Zwängen ausgebremst. Kliniken und Pflegeheime müssen wirtschaftlich arbeiten, entsprechend stehen sie vor alltäglichen Problemen wie einer teuren Versorgung mit Energie oder Lebensmitteln. In der mobilen Pflege sind die eklatanten Zeitvorgaben der Kassen die Killer für Kommunikation und Qualität.  Pflegeempfänger fühlen sich abgezockt, unwürdig behandelt und kritisieren das System. Die Pflege hat seit einigen Jahren auch den erhöhten Betreuungsaufwand spezieller Gruppen als einen Pflegebedarf erkannt. Dadurch wurden entsprechende Qualifizierungen geschaffen, doch auch hier sind die Hürden für einen unkomplizierten Zugang oft zu hoch.

Rekrutierungsprogramme ausländischer Pflegekräfte mildern das Problem zwar etwas ab, sind aber auch keine Generallösung für das Problem. Die Globalisierung macht auch vor Bayern nicht halt. Entsprechend arbeiten immer mehr Bayern auf internationalem Parkett, das sie auch für die Pflege eines Angehörigen nur schwer aufgeben können. Demzufolge wird der Bedarf an Pflegeplätzen und Personal weiter steigen, oder die 24 Stunden Pflege daheim zunehmen. Osteuropäische Fachkräfte möchten aber auch nicht auf dem Lande versauern. Sie arbeiten lieber stadtnah, am liebsten natürlich direkt in Orten wie der Landeshauptstadt.

Fazit: Bundesweit gibt es Personaldefizite in der Pflege. Dem Freistaat Bayern ist es bislang leider nicht gelungen, hier die rühmliche Ausnahme zu bilden. Noch ist der Notstand nicht so akut, dass er skandalöse Züge annimmt. Politik, Kostenträger und Berufsverbände sind jedoch gefragt, wenn es heißt, ein Konzept zu erstellen, um den Super GAU zu verhindern. Die Ausbildung von Nachwuchs sollte oberste Priorität haben. Aufklärungskampagnen, erleichterter Zugang zur Ausbildung und die Schaffung von Chancengleichheit, was das Lernen in den allgemeinbildenden und Berufsschulen angeht, können den drohenden Engpass noch abmildern.

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