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Cannabis auf Rezept: Pharmaunternehmer als Botschafter

2017 wurde das Cannabis-Gesetz im Bundesgesetzblatt veröffentlicht und seitdem gibt es Cannabis auf Rezept! Im Jahr der Cannabis-Gesetz-Einführung wurden bereits 27.000 Rezepte eingelöst. 2018 waren es bei 3.000kg importiertem Cannabis 95.000 Rezepte. Obwohl die Einfuhr bis Ende 2019 um die 8.000kg betragen hat, war auch im dritten Jahr die Nachfrage höher als das Angebot. Pharmaunternehmer Mario Eimuth trafen wir bereits zum Interview nach Markteinführung. Wir wollten von ihm wissen, was der aktuelle Stand in der Wissenschaft ist und bei welchen Krankheiten Cannabis helfen kann!

Cannabis auf Rezept
Cannabis auf Rezept: Über 95.000 Rezepte wurden alleine im Jahre 2018 ausgestellt! Fotocredit: Shutterstock

Was hat die neue Gesetzeslage bewirkt und was hat sie gebracht?

Mario Eimuth: „Die allgemeine Akzeptanz von Cannabis als Therapieoption hat deutlich zugenommen. Die Patientenzahlen steigen stark und es entwickelt sich eine neue Industrie, die sich analog zu den Erweiterungen der wissenschaftlichen Erkenntnisse immer breiter aufstellt.“

Ist Deutschland in Sachen Akzeptanz von Cannabis-Produkten ein Vorreiter, ähnlich wie Kanada oder doch eher ein Nachzügler?

Mario Eimuth: „Deutschland ist in Europa sicherlich Vorreiter, was die Ausrichtung und rechtliche Ausgestaltung der Medizinal-Cannabis-Therapie betrifft. Viele europäische Staaten orientieren sich diesbezüglich jetzt an dem deutschen Modell. Dennoch sind wir im Vergleich zu anderen Industrienationen (etwa Kanada) noch bei weitem nicht bei vergleichbaren Patientenzahlen.“

Die da wären?

Mario Eimuth: „Es ist davon auszugehen, dass auch in Deutschland in drei bis vier Jahren ca. 0,8% der Bevölkerung Medizinal-Cannabis als Therapieansatz verschrieben bekommen wird. Dies entspricht dann etwa 650.000 Patienten, aktuell sprechen wir von ca. 60.000. Weitere Aufklärung und Fortbildung auf Seiten der Ärzteschaft ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung.“

Hat sich das Wissen und die Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft hierzulande weiter entwickelt?

Mario Eimuth: „Wir haben sicherlich in den letzten drei Jahren einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht. Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine alternative Cannabistherapie und mit jedem Jahr setzt sich überall auf der Welt eine größere Akzeptanz von Cannabis-Produkten durch. Das spiegelt sich auch in der weltweiten Gesetzgebung und der medizinalen Öffnung von immer mehr Staaten wieder. Die Akzeptanz lässt sich aber gerade auch auf unmittelbare Erzählungen von Betroffenen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zurückführen, da diese natürlich nochmal einen stärkeren Glaubwürdigkeitscharakter erhalten.“

Wie ist die Haltung von Seiten der etablierten Pharmabranche? Wird medizinisches Cannabis als sinnvolle Alternative für „neue Wege aus dem Schmerz und Stress“ oder eher als unwillkommener Marktspieler gesehen?

Mario Eimuth: „Die traditionelle Pharmabranche hat sicherlich ein eher zwiespältiges Verhältnis zu Cannabis. Blickt man beispielsweise nach Kalifornien in den USA, so ist dort im Jahre 2017 nach der Öffnung des Marktes für Cannabis der Umsatz an verkauften Schmerzmitteln um 19% zurückgegangen. Und Kalifornien ist nach dem Bruttosozialprodukt immerhin das sechstgrößte Land der Welt. Solche tektonischen Verschiebungen werden selbstverständlich nicht von jedem begrüßt.“

Mario Eimuth ist Gründer von ADREXpharma, welches als einziges deutsches Unternehmen neben dem therapeutischen und verschreibungspflichtigen Bereich auch das medizinische Hautpflege-Segment abdeckt
Mario Eimuth ist Gründer von ADREXpharma, welches als einziges deutsches Unternehmen neben dem therapeutischen und verschreibungspflichtigen Bereich auch das medizinische Hautpflege-Segment abdeckt

Welches sind heute noch die größten Vorbehalte, insbesondere in Deutschland gegenüber einer Therapie mit Cannabis?

Mario Eimuth: „Die Vorbehalte sind sicherlich in einem historischen Kontext zu suchen. Da Cannabis über Jahrzehnte als illegale Droge an den Pranger gestellt wurde, gibt es sowohl bei Ärzten, Apothekern als auch Patienten immer noch viele Ressentiments. Daher ist Aufklärung eines unserer zentralen Anliegen. Auch ein Blick über die Landesgrenzen hinaus, etwa nach Israel, wo seit über 25 Jahren Cannabis in der Medizin eingesetzt wird, könnte hier helfen, um mit Vorurteilen aufzuräumen und den Blick frei zu machen für das therapeutische Potential.“

Wie ist der aktuelle Stand der Wissenschaft?

Mario Eimuth: „Aktuell laufen über 643 Studien weltweit zum medizinischen Einsatz von THC und CBD. Dazu gehören chronische Schmerzen (auch Migräne), neurologische Erkrankungen, chronisch-entzündliche Indikationen (z.B. rheumatoide Arthritis), psychiatrische Erkrankungen (Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, Zwangsstörungen). Medizinisches Cannabis kann auch eine denkbare Indikation im Fall von Angst- und Schlafstörungen sein. Ebenso bei Epilepsie, der Spastizität bei MS bzw. Paraplegie, dem Tourette-Syndrom sowie bei Begleiterscheinungen einer Chemotherapie und zur Appetitsteigerung bei HIV Anwendung.“

Viele Hürden, viele Barrieren, was motiviert sie persönlich, die Möglichkeiten der Cannabis- Therapie weiter voran zu treiben?

Mario Eimuth: „Mich persönlich treibt das Patientenwohl an, das große positive Feedback, das wir als Unternehmen stetig von den Menschen bekommen. Ich kenne mich mit disruptiven Systemen aus – Hürden und Widerstände gehören dabei dazu. Es gilt immer wieder Mauern einzureißen und ein neues Denken zu initiieren.“

Wie sehen Sie die weitere Marktentwicklung? Wo werden wir in fünf Jahren stehen?

Mario Eimuth: „Fest steht, dass Deutschland und Europa noch ganz am Anfang der Marktentwicklung stehen. Das Forschungsinstitut „Prohibition Partners“ hat in der 3. Ausgabe seines Europäischen Cannabis Reports den Markt für medizinisches Cannabis in Deutschland im Jahr 2028 auf rund 7,7 Milliarden Euro geschätzt – für ganz Europa errechneten sie ein mögliches Marktvolumen von ca. 55 Milliarden Euro.“

Welche Weichen sollte die Politik stellen, um Missverständnisse aufzulösen, Ängste zu lindern und der Nutzung von Cannabis-Produkten zu größerer Akzeptanz zu verhelfen?

Mario Eimuth: „Ich denke, dass die Politik erst einmal gute Rahmenbedingungen geliefert hat, um hier eine gesellschaftspolitische Neuausrichtung in die Wege zu leiten. Es liegt nun eher auf der Ebene der Ärzte und der medialen Vertreter diesen Ball aufzunehmen, sich intensiv mit dem Thema zu befassen und klare Aufklärung zu betreiben, um unberechtigte Ängste zu nehmen.“

Mario Eimuth ist Gründer von ADREXpharma, welches als einziges deutsches Unternehmen neben dem therapeutischen und verschreibungspflichtigen Bereich auch das medizinische Hautpflege-Segment abdeckt!

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